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Was ist Selen?

Ein essentielles Spurenelement, das als Antioxidans wirkt und für die Schilddrüsenfunktion und das Immunsystem wichtig ist.

Was ist Selen?

Selen ist eines der wenigen Spurenelemente, bei dem die Menge in der Nahrung stark davon abhängt, wo das Futter oder Getreide gewachsen ist. Europäische Böden gelten im Vergleich zu nordamerikanischen als selenärmer, weshalb Weizen aus Norddeutschland regelmäßig weniger Selen enthält als Weizen aus Kansas. Der menschliche Körper braucht davon nur Mikrogramm-Mengen, nicht Milligramm – das unterscheidet Selen von Mineralstoffen wie Calcium oder Magnesium um den Faktor tausend.

Chemisch verhält sich Selen ähnlich wie Schwefel und wird im Körper in Selenoproteine eingebaut. Etwa zwei Dutzend solcher Proteine sind beim Menschen bekannt, darunter Enzyme, die an Redoxreaktionen beteiligt sind. Man unterscheidet grob zwischen anorganischen Formen wie Natriumselenit und organisch gebundenem Selen wie Selenomethionin, das etwa in Paranüssen oder Selenhefe vorkommt.

Die Forschung an Selenverbindungen reicht weit zurück. Bereits 1974 erschien in der Deutschen Tierärztlichen Wochenschrift eine Sammelübersicht von Schäfer zum Einsatz von Selen in der Therapie und Prävention von Muskelerkrankungen bei Tieren. Der Kontext war damals vor allem die Weißmuskelkrankheit bei Kälbern und Lämmern in selenarmen Weidegebieten – ein Beispiel dafür, dass ein Mangel des Spurenelements sichtbare Folgen hat, ein Überschuss aber ebenso schädlich sein kann.

Ein späterer Forschungsstrang beschäftigte sich mit organisch gebundenen Selenverbindungen als Ergänzung zur Nahrung. Sanotski beschrieb 2009 in Meditsina truda i promyshlennaia ekologiia ein Nahrungsergänzungsmittel mit einer sogenannten dritten Generation von Selenverbindungen und legte Daten zu biologischen Effekten und Pharmakokinetik vor. Rusetskaya und Borodulin gingen 2015 in Biomeditsinskaia khimiia der Frage nach, wie organische Selenverbindungen bei Vergiftungen mit Schwermetallsalzen wirken. Sie beschreiben, dass Schwermetalle freie Radikale begünstigen und das körpereigene Antioxidanssystem unterdrücken können, und dass organische Selenverbindungen im Tierversuch eine höhere Bioverfügbarkeit zeigten als anorganische. Als konkretes Beispiel nennen die Autoren Diacetophenonylselenid (DAPS-25).

Was diese Arbeiten nicht zeigen: Sie sind zum Teil Übersichten, zum Teil Tierstudien, zum Teil pharmakologische Charakterisierungen einzelner Substanzen. Sie belegen keine allgemeine Wirkung von Selen aus Nahrungsergänzungsmitteln auf gesunde Menschen, keine Prävention chronischer Krankheiten und keine Heilaussage. Wer aus einer Tierstudie an Kälbern eine Empfehlung für den eigenen Speiseplan ableitet, überdehnt die Datenlage erheblich.

In der Praxis liefern wenige Paranüsse rechnerisch bereits die Referenzmenge, die die Deutsche Gesellschaft für Ernährung für Erwachsene angibt – die genaue Zahl in der Nuss schwankt allerdings stark, je nach Anbaugebiet in Brasilien oder Bolivien. Auch Fisch, Innereien, Eier und Hülsenfrüchte tragen bei. Bei einer gemischten Kost mit tierischen Anteilen ist ein klinischer Selenmangel in Mitteleuropa selten geworden, kommt aber bei streng pflanzlicher Ernährung, bei bestimmten Darmerkrankungen oder nach bariatrischen Operationen häufiger vor.

Die Kehrseite ist die enge therapeutische Breite. Der Abstand zwischen empfohlener Zufuhr und toxischer Dosis ist bei Selen kleiner als bei den meisten anderen Spurenelementen. Symptome einer chronischen Überversorgung – Selenose – reichen von brüchigen Nägeln über Haarausfall bis zu neurologischen Beschwerden. In selenreichen Regionen wie Teilen der USA oder Venezuelas wurde das dokumentiert; in Europa ist es dank moderater Böden ein eher theoretisches Risiko, bei hochdosierten Präparaten aber ein reales.

Selen wird häufig zusammen mit der Schilddrüse besprochen, weil einige Selenoproteine in der Umwandlung von Schilddrüsenhormonen eine Rolle spielen. Die EU hat für Selen zwar zugelassene Nährstofffunktionsangaben, für konkrete Krankheitsbilder gilt das aber ausdrücklich nicht. Wer den Verdacht auf einen Mangel oder Überschuss hat, kommt an einer Blutmessung nicht vorbei – der Selenstatus lässt sich weder am Spiegelbild noch an einer Nagelrille zuverlässig ablesen.

Auch bekannt als

Selenium

SpurenelementAntioxidansSchilddrüseImmunsystem