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Was ist Freie Radikale?

Freie Radikale sind hochreaktive, instabile Moleküle, die im Körper Zellschäden verursachen können, was als oxidativer Stress bezeichnet wird.

Was ist Freie Radikale?

Jede Zelle in deinem Körper atmet — und genau dabei entstehen sie: freie Radikale. Sie sind ein normales Nebenprodukt des Stoffwechsels, vor allem der Energiegewinnung in den Mitochondrien. Chemisch handelt es sich um Moleküle oder Molekülbruchstücke mit einem ungepaarten Elektron. Dieses fehlende Elektron macht sie hochreaktiv: Sie greifen andere Moleküle an, um sich zu stabilisieren, und lösen dabei Kettenreaktionen aus.

Ein Großteil der freien Radikale im Körper sind sogenannte reaktive Sauerstoffspezies (ROS). Dazu zählen das Superoxid-Anion, das Hydroxylradikal und Wasserstoffperoxid. Weitere Quellen sind UV-Strahlung, Zigarettenrauch, Feinstaub, entzündliche Prozesse, intensive körperliche Belastung und bestimmte Medikamente. Die Zahl der Radikale, die täglich in einer einzelnen Zelle entstehen, liegt in der Größenordnung von mehreren Milliarden — pro Zelle, pro Tag. Bei geschätzt rund 30 Billionen Körperzellen kommt eine Menge zusammen, mit der das antioxidative Schutzsystem umgehen muss.

Dieses Schutzsystem besteht aus körpereigenen Enzymen wie Superoxid-Dismutase, Katalase und Glutathion-Peroxidase sowie aus Molekülen, die über die Nahrung aufgenommen werden. Solange Bildung und Abbau im Gleichgewicht stehen, ist alles unauffällig. Kippt das Verhältnis zugunsten der Radikale, spricht man von oxidativem Stress. Alkadi beschreibt in einem Review in "Infectious Disorders Drug Targets" 2020 genau diesen Punkt: Ein Gleichgewicht zwischen freien Radikalen und Antioxidantien sei entscheidend für die normale physiologische Funktion — wird es überschritten, entsteht ein Zustand, den die Autoren mit einer Reihe von Erkrankungen in Verbindung bringen.

Sind freie Radikale also grundsätzlich schädlich? Nein. Engwa et al. weisen 2022 in "Alternative Therapies in Health and Medicine" darauf hin, dass freie Radikale auch nützliche Rollen im Körper haben, etwa bei der Abwehr bestimmter Krankheitserreger und in einer Reihe zellulärer und physiologischer Prozesse. Erst wenn die Konzentration die Kapazität des antioxidativen Schutzsystems übersteigt, greifen Radikale Biomoleküle an — DNA, RNA, Proteine, Lipide und Kohlenhydrate. Die dabei entstehenden Abbauprodukte lassen sich in Blut, Urin und Gewebe messen und werden als Biomarker für oxidativen Stress genutzt.

Die Forschung hat freie Radikale in den vergangenen Jahrzehnten mit sehr unterschiedlichen Krankheitsbildern verknüpft. Alvarez-Gonzalez untersuchte in "Cancer Investigation" 1999 den Zusammenhang zwischen freien Radikalen, oxidativem Stress und dem DNA-Stoffwechsel bei menschlichem Krebs. Bennett beschrieb im selben Jahr im "Journal of the Neurological Sciences" oxidative Prozesse als möglichen Faktor bei der Entstehung der Parkinson-Krankheit. Giacosa und Filiberti fassten 1996 im "European Journal of Cancer Prevention" den damaligen Stand zu oxidativen Schäden und degenerativen Erkrankungen zusammen. Was diese Arbeiten gemeinsam haben: Sie beschreiben Zusammenhänge und Mechanismen. Ein direkter Beweis, dass die zusätzliche Zufuhr eines einzelnen Antioxidans eine dieser Krankheiten verhindert, ergibt sich daraus nicht.

Das ist eine wichtige Einordnung. In der öffentlichen Diskussion werden freie Radikale oft so dargestellt, als sei die Sache klar: viele Radikale = viele Krankheiten, viele Antioxidantien = Schutz. Die Studienlage ist differenzierter. Interventionsstudien mit hoch dosierten Einzelsubstanzen wie Beta-Carotin oder Vitamin E haben in der Vergangenheit teilweise überraschende oder gar ungünstige Ergebnisse geliefert. Der Körper braucht ein Zusammenspiel — nicht eine einzelne Substanz in möglichst hoher Dosis.

Wo entstehen freie Radikale konkret im Alltag? Beim Ausdauersport steigt der Sauerstoffumsatz um ein Vielfaches, damit auch die Radikalbildung. Nach einer durchzechten Nacht ist der Stoffwechsel messbar belastet. Ein Sonnenbrand ist im Grunde ein durch UV-Strahlung ausgelöster Radikalschaden an der Hautoberfläche. Auch chronische Entzündungen — etwa bei Übergewicht, Diabetes oder Rauchen — halten das Radikalniveau dauerhaft erhöht. Umgekehrt heißt das nicht, dass Sport schädlich ist: Regelmäßiges Training trainiert auch das körpereigene Antioxidanssystem.

Wer sich pflanzenbetont ernährt, nimmt eine Vielzahl von Molekülen auf, die in Laborversuchen antioxidative Eigenschaften zeigen — Polyphenole, Flavonoide, Carotinoide, Vitamin C, Vitamin E, Selen, Zink. Die Frage, wie viel davon nach Verdauung und Aufnahme tatsächlich im Körper aktiv wird, ist Gegenstand laufender Forschung. Ein Wundermittel gegen Radikale existiert nicht. Was existiert, ist ein Zusammenspiel aus ausreichend Schlaf, Bewegung, moderater Kalorienzufuhr, wenig Alkohol, keinem Rauchen und einer vielfältigen, überwiegend pflanzlichen Kost. Diese Faktoren beeinflussen die Radikalbilanz stärker als jede einzelne Kapsel.

Auch bekannt als

Sauerstoffradikale, reaktive Sauerstoffspezies (ROS)

Oxidativer StressAntioxidantienZellschutzAlterung