Der Begriff Mikronährstoff beschreibt die Nährstoffgruppe, die der Körper nur in Milligramm- oder Mikrogramm-Mengen aufnimmt — im Gegensatz zu den Makronährstoffen Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate, die in Gramm-Mengen gemessen werden. Der Unterschied im Bedarf ist gewaltig: Ein Erwachsener nimmt am Tag rund 50 bis 80 Gramm Eiweiß auf, aber nur 60 Milligramm Vitamin C und rund 25 Mikrogramm Vitamin K. Das ist ein Faktor von etwa einer Million zwischen dem täglichen Eiweißbedarf und dem täglichen Vitamin-K-Bedarf.
Zu den Mikronährstoffen zählen die 13 klassischen Vitamine (die fettlöslichen A, D, E, K sowie die wasserlöslichen B-Vitamine und Vitamin C), Mineralstoffe wie Kalzium, Kalium, Magnesium und Natrium sowie Spurenelemente wie Eisen, Zink, Jod, Selen, Kupfer, Mangan und Chrom. Die Grenze zwischen Mineralstoff und Spurenelement liegt bei einem Körperbestand von 50 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Ein 70-Kilo-Erwachsener trägt also etwa 3,5 Gramm eines Mineralstoffs im Körper, aber weniger als 3,5 Gramm eines Spurenelements — Selen kommt sogar nur mit rund 10 bis 15 Milligramm im gesamten Körper vor.
Was die Forschung zu Mikronährstoffen zeigt, ist vor allem, was passiert, wenn sie fehlen. Maggini et al. beschreiben in Nutrients 2018, dass Vitamin A, C, D, E, B2, B6 und B12 sowie Folsäure, Eisen, Selen und Zink für eine normale Funktion des Immunsystems benötigt werden und dass ein Mangel im Alter häufiger auftritt. Die Übersichtsarbeit ordnet Mikronährstoffmangel als anerkanntes Problem der öffentlichen Gesundheit weltweit ein. Gernand et al. beschreiben 2016 in Nature Reviews Endocrinology die Rolle einzelner Mikronährstoffe in der Schwangerschaft: Folsäure senkt das Risiko für Neuralrohrdefekte, Jod verhindert Kretinismus, Zink reduziert das Risiko einer Frühgeburt und Eisen das Risiko für ein niedriges Geburtsgewicht. Bemerkenswert ist die ehrliche Bilanz der Autoren — bei Kombinationspräparaten mit vielen Mikronährstoffen fielen die erwarteten Effekte in Studien oft geringer aus als erhofft oder ganz aus. Mehr ist also nicht automatisch besser.
Es gibt Situationen, in denen der Bedarf über das übliche Maß steigt oder die Aufnahme gestört ist. Weisshof und Chermesh haben in Current Opinion in Clinical Nutrition and Metabolic Care 2015 zusammengefasst, dass Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa) besonders häufig einen Mikronährstoffmangel entwickeln — als Folge der Erkrankung und als Ursache weiterer Beschwerden. Reytor-González et al. beschreiben in Nutrients 2025 die Lage nach bariatrischen Operationen wie einem Magenbypass oder einer biliopankreatischen Diversion: Die häufigsten Mängel betreffen Eisen, Vitamin B12, Folsäure, Kalzium, Vitamin D sowie die fettlöslichen Vitamine A, E und K. Verfahren, die einen Teil des Dünndarms umgehen, führen entsprechend häufiger zu solchen Defiziten.
Wichtig für die Einordnung: Mikronährstoffe sind keine pflanzlichen Extrakte oder sekundären Pflanzenstoffe wie Curcumin oder Resveratrol. Sie sind essenziell — der Körper kann sie nicht oder nicht in ausreichender Menge selbst herstellen. Deshalb gibt es für Vitamine und Mineralstoffe in der EU auch offiziell zugelassene gesundheitsbezogene Angaben. So darf für Vitamin C ausgesagt werden, dass es zu einer normalen Funktion des Immunsystems beiträgt, für Kalzium, dass es zur normalen Erhaltung von Knochen beiträgt. Diese Aussagen beziehen sich immer auf eine normale Funktion — nicht auf die Heilung von Krankheiten.
Was die Forschungslage nicht hergibt: Für die überwiegende Zahl der Kombinationspräparate mit vielen Mikronährstoffen gibt es keinen belastbaren Nachweis, dass sie bei gut ernährten, gesunden Menschen einen zusätzlichen Nutzen bringen. Gernand et al. weisen genau darauf hin. Der Ansatzpunkt für eine Supplementierung ist immer ein tatsächlich bestehender oder plausibler Mangel — durch Blutbild, Ernährungssituation, Lebensphase oder Erkrankung begründet. Die Referenzwerte, an denen sich Nährwerttabellen orientieren, stammen in Deutschland von der DGE, in der EU sind sie als Nutrient Reference Values (NRV) auf jeder Packung angegeben. Die Angabe „100 % NRV" auf einem Präparat bezieht sich immer auf diesen Referenzwert für einen durchschnittlichen Erwachsenen — nicht auf einen individuellen Bedarf.
Mikronährstoffe kommen in unterschiedlichen Formen vor. Vitamin D3 (Cholecalciferol) ist die tierische, Vitamin D2 (Ergocalciferol) die pflanzliche Form; Vitamin B12 wird als Methylcobalamin, Hydroxocobalamin, Adenosylcobalamin oder Cyanocobalamin angeboten. Eisen wird als Fumarat, Bisglycinat oder Sulfat verkauft, wobei die Bioverfügbarkeit unterschiedlich ausfällt. Für den Kunden heißt das: Nicht jede Angabe „500 mg Kalzium" bedeutet dasselbe, weil sich die Zahl auf das Salz oder auf das reine Element beziehen kann.
Auch bekannt als
Vitalstoffe, Biofaktoren


