Zwei Menschen schlucken die gleiche Kapsel — und im Blut kommt bei dem einen dreimal so viel an wie beim anderen. Genau darum geht es bei der Bioverfügbarkeit: nicht wieviel drin ist, sondern wieviel ankommt.
Der Begriff stammt aus der Pharmakologie und beschreibt zwei Dinge gleichzeitig. Erstens: welcher Anteil eines aufgenommenen Wirkstoffs tatsächlich in den Blutkreislauf gelangt. Zweitens: wie schnell er dort erscheint. Ein Wirkstoff mit einer Bioverfügbarkeit von 100 Prozent — das ist per Definition die intravenöse Gabe — steht dem Körper vollständig zur Verfügung. Alles, was durch den Mund geht, muss dagegen erst die Magensäure überstehen, die Darmwand passieren und meist einen ersten Durchgang durch die Leber überleben. Was am Ende noch da ist, entscheidet über die Wirkung.
Die chemische Form eines Wirkstoffs macht dabei einen großen Unterschied. Ein oft zitiertes Beispiel sind Omega-3-Fettsäuren. Dyerberg et al. verglichen in Prostaglandins, leukotrienes, and essential fatty acids 2010 drei konzentrierte Formulierungen: Ethylester, freie Fettsäuren und re-veresterte Triglyceride. 72 Probanden bekamen zwei Wochen lang etwa 3,3 g EPA plus DHA pro Tag. Gemessen an natürlichem Fischöl (100 Prozent Referenz) lag die Aufnahme aus re-veresterten Triglyceriden bei 124 Prozent, aus freien Fettsäuren bei 91 Prozent und aus Ethylestern nur bei 73 Prozent. Zwischen der besten und der schlechtesten Form liegt also ein Unterschied von 51 Prozentpunkten — bei identischer Milligramm-Angabe auf der Packung. Rechnet man das um: Wer aus einer Ethylester-Kapsel mit 1000 mg etwa 730 mg aufnimmt, müsste bei re-veresterter Form nur rund 590 mg schlucken, um dieselbe Menge im Blut zu haben.
Ähnliches gilt für Mineralstoffe. Werner et al. beschrieben in Magnesium Research 2019, dass organische Magnesiumsalze offenbar besser aufgenommen werden als Magnesiumoxid oder andere anorganische Salze. Die Autoren weisen allerdings selbst darauf hin, dass die Vielzahl an Variablen in älteren Studien klare Schlussfolgerungen erschwert. Das ist typisch für Bioverfügbarkeitsforschung: viele Ergebnisse, wenig direkte Vergleichbarkeit.
Der Verabreichungsweg spielt oft die größte Rolle. Bouhajib et al. verglichen im Journal of Basic and Clinical Physiology and Pharmacology 2025 die Aufnahme von Semaglutid bei oraler Gabe (3 mg) mit einer Injektion unter die Haut (0,25 mg). Um ähnliche Blutspiegel zu erreichen, war die orale Dosis rund zwölfmal so hoch — der Magen-Darm-Trakt schluckt buchstäblich einen Großteil des Wirkstoffs weg, bevor er wirken kann. Auch bei Hydrocortison ändert die Formulierung das Bild: Ross et al. berichteten in Clinical Endocrinology 2025 über sogenannte Modified-Release-Kapseln, die den natürlichen Cortisol-Tagesverlauf besser nachahmen als herkömmliche Präparate.
Dass Bioverfügbarkeit nicht immer ein Problem sein muss, zeigen Garnham et al. schon 1976 im British Journal of Clinical Pharmacology. Sie prüften Rifampicin und Isoniazid einzeln und als Kombinationspräparat und fanden keinen formulierungsbedingten Unterschied in Geschwindigkeit oder Umfang der Aufnahme. Peakwerte von 8,2–11,7 µg/ml (Rifampicin, 600 mg) nach 2–4 Stunden und 3,6–4,8 µg/ml (Isoniazid, 300 mg) nach 0,5–1 Stunde lagen im erwartbaren Bereich. Kombinationen können also, müssen aber nicht die Aufnahme verändern.
Was die Bioverfügbarkeit im Alltag beeinflusst: die Nahrung im Magen (fettlösliche Stoffe brauchen Fett), der pH-Wert, andere Wirkstoffe im gleichen Präparat, die Darmflora, das Alter, individuelle Enzymausstattung. Zwei Menschen mit identischer Dosis können deshalb unterschiedliche Blutspiegel entwickeln — messbar oft im Bereich Faktor zwei bis drei.
Was die Forschung nicht liefert: eine allgemeingültige Rangliste, welche Form eines Nährstoffs für jeden Menschen die beste ist. Die Studien zeigen Mittelwerte in Gruppen von meist unter hundert Probanden, für ausgewählte Wirkstoffe, unter kontrollierten Bedingungen. Übertragen auf den eigenen Körper bleibt vieles Näherung. Wer eine Zahl auf einer Packung liest, hat damit noch keine Aussage darüber, wieviel davon in seinem eigenen Blut ankommt.
Auch bekannt als
Aufnahmeeffizienz, Resorptionsrate


