Ein Pflanzenextrakt ist kein Kraut im Ganzen und kein Pulver aus getrockneten Blättern. Es ist ein Konzentrat, bei dem gezielt bestimmte Inhaltsstoffe aus einem Pflanzenteil herausgelöst wurden – der Rest der Pflanze bleibt zurück. Genau das unterscheidet einen Extrakt von einem einfachen Mahlprodukt.
Der Vorgang selbst heißt Extraktion. Man nimmt ein Ausgangsmaterial, etwa Wurzeln, Blätter, Rinde, Blüten oder Früchte, und behandelt es mit einem Lösungsmittel. Welches Lösungsmittel eingesetzt wird, hängt davon ab, welche Stoffgruppe man aus der Pflanze holen möchte. Wasser zieht wasserlösliche Bestandteile heraus, zum Beispiel bestimmte Polysaccharide oder Gerbstoffe. Alkohol oder Alkohol-Wasser-Mischungen lösen zusätzlich viele sekundäre Pflanzenstoffe wie Flavonoide oder Alkaloide. Fettlösliche Stoffe – Carotinoide, ätherische Öle, bestimmte Terpene – lassen sich mit Öl oder mit überkritischem CO2 gewinnen. Nach der Extraktion wird das Lösungsmittel weitgehend entfernt. Übrig bleibt ein flüssiges, pastöses oder getrocknetes Konzentrat.
Wichtig ist dabei das Verhältnis zwischen eingesetzter Pflanze und fertigem Extrakt, das sogenannte Droge-Extrakt-Verhältnis (DEV). Ein DEV von 10:1 bedeutet: aus zehn Kilogramm Ausgangsmaterial entsteht ein Kilogramm Extrakt. Bei einem 4:1-Extrakt sind es vier Kilogramm Rohpflanze für ein Kilogramm Endprodukt. Rein rechnerisch stecken in einer Kapsel mit 500 mg eines 10:1-Extrakts die löslichen Bestandteile von 5 Gramm Pflanzenmaterial. Ob damit auch die 10-fache Wirkung erreicht wird, ist eine andere Frage – ein Extrakt enthält nur das, was das jeweilige Lösungsmittel aus der Pflanze herausgeholt hat, nicht alle Inhaltsstoffe der Ausgangsdroge.
Ein zweiter Begriff, der auf vielen Etiketten steht, ist "standardisiert". Ein standardisierter Extrakt ist so eingestellt, dass ein bestimmter Leitstoff in einer definierten Menge enthalten ist – zum Beispiel "standardisiert auf 95 % Curcuminoide" oder "20 % Withanoside". Der Vorteil: Von Charge zu Charge liegt der Gehalt in einem engen Bereich, statt zwischen zwei Ernten stark zu schwanken. Der Nachteil: Standardisiert wird nur auf einen oder wenige Marker. Andere Pflanzenstoffe können in wechselnder Menge vorhanden sein, ohne dass das ausgewiesen wird.
Davon zu unterscheiden ist der Vollspektrum- oder Totalextrakt. Hier versucht man, das natürliche Stoffgemisch der Pflanze möglichst vollständig zu übertragen, ohne auf einen einzelnen Marker hochzukonzentrieren. Beide Konzepte haben ihre Berechtigung, sie beantworten nur unterschiedliche Fragen.
Die Extraktionsmethoden reichen von der klassischen Mazeration – Pflanze wird über Tage in Alkohol eingelegt – bis zu modernen Verfahren wie CO2-Hochdruckextraktion, Ultraschallextraktion oder Perkolation. CO2 unter Druck verhält sich flüssigkeitsähnlich, verdampft nach dem Prozess rückstandsfrei und arbeitet bei niedrigen Temperaturen. Das schont hitzeempfindliche Stoffe. Wasser-Alkohol-Auszüge sind dagegen günstig, gut untersucht und für viele Pflanzengruppen etabliert.
Wer Extrakte mit Pulvern vergleicht, sollte auf drei Angaben achten: das DEV, das Lösungsmittel und – falls vorhanden – den Gehalt des Leitstoffs in Prozent. Ein Pulver aus der ganzen getrockneten Pflanze enthält Ballaststoffe, Zellstrukturen und Wasser, die im Extrakt fehlen. Umgekehrt liefert ein Extrakt eine deutlich höhere Konzentration der gelösten Wirkstoffgruppe pro Gramm. Beides sind unterschiedliche Produktformen, keine besseren oder schlechteren.
Ganz nüchtern betrachtet ist ein Extrakt eine Verarbeitungsstufe. Er sagt für sich genommen noch nichts über Qualität, Herkunft oder biologische Effekte aus. Diese hängen vom Ausgangsmaterial, vom Anbau, vom Verfahren und von der Verarbeitung im Anschluss ab. Ein sauber hergestellter 4:1-Wasserauszug aus kontrolliertem Anbau kann sinnvoller sein als ein hochkonzentrierter 50:1-Extrakt aus unklarer Quelle. Die Zahl allein ist kein Gütesiegel.
Auch bekannt als
Pflanzenauszug, standardisierter Extrakt


