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Was ist Retard-Wirkung?

Eine verzögerte und gleichmäßige Freisetzung eines Wirkstoffs über einen längeren Zeitraum.

Was ist Retard-Wirkung?

Eine Kapsel schluckst du in Sekunden. Was danach in deinem Körper passiert, kann sich über viele Stunden hinziehen — je nachdem, wie die Kapsel gebaut ist. Genau hier setzt die Retard-Wirkung an. Der Name kommt aus dem Französischen: "retarder" heißt verzögern. Gemeint ist eine Darreichungsform, bei der der Wirkstoff nicht auf einmal freigesetzt wird, sondern langsam und gleichmäßig über einen längeren Zeitraum.

Der Unterschied zur klassischen Tablette lässt sich in einer einfachen Kurve zeigen. Nimmst du eine normale Tablette, steigt der Wirkstoffspiegel im Blut schnell an, erreicht nach etwa einer halben bis zwei Stunden seinen Höhepunkt und fällt danach wieder ab. Bei einer Retard-Form ist diese Kurve deutlich flacher. Der Anstieg ist langsamer, der Peak niedriger, dafür bleibt der Spiegel länger auf einem konstanten Niveau. Statt eines Bergs bekommst du ein Plateau.

Technisch wird das auf verschiedenen Wegen erreicht. Bei manchen Präparaten ist der Wirkstoff in eine Matrix aus Fett, Wachs oder Polymeren eingebettet, aus der er nach und nach herausdiffundiert. Bei anderen sind die Wirkstoffkörner mit einer Schicht überzogen, die sich zeitverzögert im Verdauungstrakt auflöst. Es gibt auch mehrschichtige Tabletten, bei denen eine Schicht sofort wirkt und eine zweite mit Verzögerung. Der pharmazeutische Fachbegriff dafür lautet "modified release" oder "prolonged release".

Warum macht man das überhaupt? Drei Gründe stehen im Vordergrund. Erstens die Einnahmehäufigkeit: Ein Wirkstoff, den man sonst dreimal täglich schlucken müsste, reicht als Retard-Form oft einmal am Tag. Wer Präparate dauerhaft nimmt, vergisst so seltener eine Dosis. Zweitens die Verträglichkeit: Hohe Wirkstoffspitzen kurz nach der Einnahme sind bei manchen Substanzen der Auslöser für Nebenwirkungen wie Übelkeit, Kreislaufreaktionen oder Magenreizung. Ein flacheres Profil kann das mildern. Drittens die gleichmäßige Versorgung: Bei Substanzen, die im Körper schnell abgebaut werden, sorgt die Retard-Form für einen stabileren Spiegel zwischen den Einnahmen.

Rechne einmal nach: Wenn ein Wirkstoff eine Halbwertszeit von etwa drei Stunden hat und normalerweise viermal täglich genommen werden müsste, entspricht das 28 Einnahmen pro Woche. Eine Retard-Form mit einmal täglicher Gabe reduziert das auf 7. Über ein Jahr gerechnet sind das statt rund 1.460 nur 365 Einnahmen. Für Menschen mit chronischen Beschwerden macht das den Alltag deutlich einfacher.

Wichtig zu wissen: Retard-Tabletten darf man in der Regel nicht teilen, mörsern oder kauen. Bricht man die Matrix oder den Überzug auf, wird die ganze Dosis auf einmal frei — genau das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung. Es gibt allerdings Ausnahmen: Manche Retard-Präparate haben eine Bruchkerbe und sind explizit teilbar. Ein Blick in den Beipackzettel klärt das. Bei Retard-Kapseln, die kleine Kügelchen (Pellets) enthalten, ist es oft erlaubt, die Kapsel zu öffnen und den Inhalt in weichem Essen wie Joghurt zu verrühren. Zerkauen darf man die Pellets aber trotzdem nicht.

Die Absorption im Darm kann durch Nahrung, Getränke und andere Präparate beeinflusst werden. Grapefruitsaft ist bei einer Reihe von Retard-Präparaten problematisch, weil er bestimmte Abbauenzyme in der Darmwand hemmt und dadurch mehr Wirkstoff ins Blut gelangt als vorgesehen. Auch fettreiche Mahlzeiten können bei manchen Retard-Formen die Freisetzung verändern. Deshalb steht auf dem Beipackzettel meist eine klare Angabe: nüchtern, zum Essen oder unabhängig von Mahlzeiten.

Synonyme für Retard-Wirkung sind "verzögerte Freisetzung" und "Depot-Wirkung". Der Begriff Depot wird eher verwendet, wenn der Wirkstoff über Tage oder Wochen abgegeben wird — etwa bei manchen Injektionen oder Implantaten. Retard bezieht sich klassisch auf Stunden bis zu einem Tag. Im englischen Sprachraum finden sich außerdem die Abkürzungen "SR" (sustained release), "ER" oder "XR" (extended release) und "CR" (controlled release). Die Übergänge zwischen diesen Bezeichnungen sind fließend und nicht immer einheitlich definiert.

Retard ist keine Eigenschaft eines Wirkstoffs, sondern der Darreichungsform. Derselbe Wirkstoff kann als sofort freisetzende Tablette, als Retard-Kapsel und als Tropfen erhältlich sein. Welche Form für welchen Zweck sinnvoll ist, entscheidet sich nach dem Behandlungsziel, der Halbwertszeit der Substanz und der individuellen Situation.

Auch bekannt als

Verzögerte Freisetzung, Depot-Wirkung

BioverfügbarkeitDarreichungsformVitamineLangzeitwirkung