Im menschlichen Darm leben rund 10 bis 100 Billionen Mikroorganismen — mehr Zellen, als der Körper selbst besitzt. Zwei Begriffe tauchen in diesem Zusammenhang ständig auf: Probiotika und Präbiotika. Sie klingen ähnlich, meinen aber sehr Verschiedenes.
Probiotika sind lebende Bakterien, die mit der Nahrung aufgenommen werden — typischerweise Stämme der Gattungen Lactobacillus, Bifidobacterium, teils auch Streptococcus oder Propionibacterium. Präbiotika sind das Gegenstück: unverdauliche Ballaststoffe wie Inulin, Fructo- oder Galactooligosaccharide, die im Dünndarm nicht abgebaut werden und erst im Dickdarm den dort ansässigen Bakterien als Nahrung dienen. Kombiniert man beides in einem Produkt, spricht man von Synbiotika. Fermentierte Lebensmittel — Sauerkraut, Kefir, Kimchi, Joghurt — enthalten von Natur aus lebende Kulturen und gelten daher als natürliche Quelle.
Die klinische Forschung zu diesen Substanzen ist in den letzten Jahren stark gewachsen, allerdings meist in speziellen Anwendungsfeldern. Ein systematischer Review von Martinez Güvara et al. in Nutrients 2024 wertete randomisierte Studien zu Frauen mit polyzystischem Ovarialsyndrom (PCOS) aus. Untersucht wurde, ob eine Supplementation über mindestens acht Wochen Insulinresistenz und Hormonparameter beeinflusst. Die Autoren fassten Daten aus mehreren Trials zusammen, die alle die Rotterdam-Kriterien für die Diagnose verwendeten. Ein zweiter grosser Forschungsstrang beschäftigt sich mit der sogenannten Darm-Hirn-Achse. Zagórska et al. beschrieben in Beneficial Microbes 2020 die bidirektionale Kommunikation zwischen Darmflora und Zentralnervensystem und prägten den Begriff "Psychobiotika". Ribera et al. gingen in Neuroscience and Biobehavioral Reviews 2024 systematisch vor und werteten 47 Artikel aus 42 Studien zu psychiatrischen Diagnosen nach DSM/ICD aus. Ergebnis: Die meisten Untersuchungen betrafen die Major Depression (19 Studien), gefolgt von Schizophrenie (11), bipolarer Störung (5), Anorexie (4), ADHS (3) sowie je eine Studie zu Tourette, Insomnie, PTBS und generalisierter Angststörung. Ausser bei der Major Depression sei die Evidenzlage laut Autoren "nicht ausreichend geklärt".
Ein drittes Feld ist die Schwangerschaft. Sheyholislami und Connor untersuchten in einer systematischen Übersicht in Nutrients 2021, ob Probiotika und Präbiotika während Schwangerschaft und Stillzeit unerwünschte Wirkungen bei Mutter oder Kind auslösen. Martín-Peláez et al. schauten in Nutrients 2022 auf Kaiserschnittkinder — die Darmflora dieser Neugeborenen unterscheidet sich nachweislich von vaginal geborenen. Zwölf Studien erfüllten die Einschlusskriterien; die verwendeten Dosen lagen zwischen 2 × 10⁶ und 9 × 10¹¹ koloniebildenden Einheiten (KBE) pro Tag. Das ist eine Spannweite von fünf Grössenordnungen — konkret: die höchste Dosis in diesen Studien enthielt 450.000-mal mehr Bakterien als die niedrigste.
Daran zeigt sich ein Grundproblem der Probiotika-Forschung: Es gibt nicht "das" Probiotikum. Jede Studie verwendet andere Stämme, andere Kombinationen, andere KBE-Zahlen und andere Studiendauern. Was für einen Lactobacillus-rhamnosus-Stamm gezeigt wurde, lässt sich nicht automatisch auf Bifidobacterium longum übertragen — und schon gar nicht von einer klinischen Population (etwa PCOS-Patientinnen) auf gesunde Erwachsene.
Was die Forschung nicht zeigt: dass gesunde Menschen ohne konkrete Beschwerden von einer täglichen Probiotika-Einnahme profitieren. Die zitierten systematischen Reviews betreffen ausnahmslos definierte Patientengruppen oder Lebensphasen wie Schwangerschaft und Geburt. Für den allgemeinen "Immunsystem-Boost", mit dem Präparate gerne beworben werden, existiert innerhalb der EU auch aus regulatorischer Sicht keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe.
Praktisch bedeutet das: Wer präbiotische Ballaststoffe über die Ernährung aufnehmen möchte, findet sie in Chicorée, Topinambur, Schwarzwurzel, Zwiebeln, Knoblauch, Lauch, unreifen Bananen und Haferflocken. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt eine tägliche Ballaststoffzufuhr von mindestens 30 Gramm — ein Wert, den der Grossteil der Bevölkerung nicht erreicht. Fermentierte Lebensmittel liefern gleichzeitig lebende Kulturen und Ballaststoffe aus dem Ausgangsprodukt.
Auch bekannt als
Darmbakterien, Ballaststoffe


