Ein Extrakt aus Baldrianwurzel kann von Charge zu Charge stark schwanken. Boden, Erntezeitpunkt, Trocknung und Lösungsmittel entscheiden darüber, wie viel vom eigentlichen Inhaltsstoff am Ende im Fläschchen oder in der Kapsel landet. Genau hier setzt der standardisierte Extrakt an: Der Hersteller garantiert, dass ein definierter Leitstoff in einer bestimmten Konzentration enthalten ist — egal, ob die Pflanze aus einer trockenen oder feuchten Saison stammt.
Das Prinzip funktioniert so: Aus dem getrockneten Pflanzenmaterial wird mit Wasser, Alkohol oder einem Alkohol-Wasser-Gemisch ein Rohextrakt gewonnen. Dieser Rohextrakt wird analysiert, meist per HPLC (Hochleistungsflüssigkeitschromatographie). Zeigt die Analyse, dass zu wenig Leitstoff enthalten ist, wird angereichert. Ist zu viel drin, wird verschnitten. Das Ergebnis ist ein Extrakt mit einer festgelegten Prozentangabe, zum Beispiel "standardisiert auf 5 % Withanolide" oder "standardisiert auf 3 % Rosavine".
Der Unterschied zum klassischen Trockenextrakt lässt sich an einer Rechnung zeigen. Nimmt man eine Kapsel mit 300 mg Ashwagandha-Extrakt, standardisiert auf 5 % Withanolide, ergibt das 15 mg Withanolide pro Kapsel. Bei einem nicht standardisierten Pulver aus derselben Wurzel kann der Withanolid-Gehalt zwischen 0,1 % und über 3 % schwanken — die gleiche Kapselmenge kann also zwischen 0,3 mg und 9 mg Wirkstoff enthalten. Der Faktor liegt bei 30. Für die Reproduzierbarkeit einer Studie ist das entscheidend.
Genau deshalb arbeiten fast alle klinischen Untersuchungen mit standardisierten Extrakten. Darbinyan et al. testeten in Phytomedicine 2000 einen Rhodiola-rosea-Extrakt mit der Bezeichnung SHR-5 an 56 jungen Ärzten während des Nachtdienstes. Der Extrakt wurde in niedriger Dosis über zwei Wochen gegeben, verglichen mit Placebo im Cross-over-Design. Die Autoren berichteten über Veränderungen in einem sogenannten Fatigü-Index, der Konzentration, Kurzzeitgedächtnis und Rechenleistung zusammenfasst. Ohne die Standardisierung auf SHR-5 wäre das Ergebnis nicht wiederholbar — jede neue Studie würde mit einem anderen Extrakt starten.
Ähnlich gingen Chandra Shekhar et al. in Advances in Therapy 2024 vor. Sie untersuchten einen standardisierten Baldrianextrakt (Valeriana officinalis) in einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie an Personen mit Schlafbeschwerden. Auch hier war die Standardisierung Voraussetzung dafür, überhaupt eine Aussage über den geprüften Extrakt treffen zu können.
Ein weiteres Beispiel liefern Briskey et al. in Nutrients 2022. Sie prüften einen standardisierten Extrakt aus der sizilianischen Blutorange "Moro", der auf Anthocyane — vor allem Cyanidin-3-Glucosid — eingestellt war. Über sechs Monate erhielten übergewichtige Erwachsene zwischen 20 und 65 Jahren entweder den Extrakt oder Placebo. Ausgewertet wurden Körpermasse und Zusammensetzung. Am Ende zeigte sich in der Extraktgruppe eine Veränderung des Körpergewichts um 4,2 % gegenüber 2,2 % in der Placebogruppe (p = 0,015). Beim Hüftumfang lag der Unterschied bei 3,4 cm versus 2,0 cm.
Pattojoshi et al. wiederum untersuchten in Stress 2026 einen unter dem Namen Ashwagen® vermarkteten, standardisierten Withania-somnifera-Extrakt. Über 60 Tage erhielten 60 Patienten mit Stress, Angst und Bluthochdruck entweder 300 mg des Extrakts oder Placebo. Auch hier stand die genaue Definition des Extrakts im Zentrum — sonst hätte die Studie keinen Bezug zu einem konkreten Produkt herstellen können.
Wichtig ist die ehrliche Grenze: Eine Standardisierung sagt aus, dass ein bestimmter Leitstoff in definierter Menge vorhanden ist. Sie sagt nicht aus, dass der Leitstoff auch der einzige oder wichtigste wirksame Bestandteil der Pflanze ist. Bei Baldrian galten lange die Valepotriate als entscheidend, dann die Valerensäuren — heute vermutet die Forschung ein Zusammenspiel mehrerer Substanzen. Ein auf Valerensäure eingestellter Extrakt ist also nicht automatisch "besser" als ein Vollauszug, er ist nur besser vergleichbar.
Ebenfalls nicht enthalten in der Standardisierung: eine Aussage über Pestizide, Schwermetalle oder mikrobielle Belastung. Das sind separate Prüfungen, die zusätzlich zur Wirkstoffanalyse gefahren werden. Wer einen standardisierten Extrakt kauft, sollte deshalb nach beidem fragen: nach dem garantierten Wirkstoffgehalt und nach den Reinheitsanalysen.
In Deutschland und der EU sind standardisierte Pflanzenextrakte sowohl in Nahrungsergänzungsmitteln als auch in zugelassenen pflanzlichen Arzneimitteln zu finden. Die Arzneimittelvariante wird zusätzlich nach den Vorgaben des Europäischen Arzneibuchs geprüft, dort ist die Standardisierung Pflicht. Bei Nahrungsergänzungsmitteln ist sie freiwillig — was einer der Gründe ist, warum die Angabe auf dem Etikett so unterschiedlich ausfallen kann.
Auch bekannt als
Normierter Extrakt, Eingestellter Extrakt


