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Resveratrol

Resveratrol ist ein Polyphenol, das vor allem in roten Trauben vorkommt und für seine antioxidativen, entzündungshemmenden und herzschützenden Eigenschaften bekannt ist.

Resveratrol
Ein Glas Rotwein enthält je nach Rebsorte, Herkunft und Ausbau grob 0,2 bis 2 Milligramm Resveratrol. Um auf die Mengen zu kommen, die in klinischen Studien untersucht wurden, müsste man literweise trinken — was den Sinn der Sache offensichtlich zunichtemacht. Genau an diesem Missverhältnis setzt die Forschung an, die sich seit gut zwei Jahrzehnten mit dem Polyphenol beschäftigt.

Resveratrol (chemisch: 3,4',5-Trihydroxy-trans-stilben) ist ein sogenanntes Phytoalexin. Die Pflanze bildet es als Reaktion auf Stress, etwa Pilzbefall oder UV-Strahlung. Besonders viel steckt in der Schale roter Trauben, dazu in Erdnüssen, Beeren und im Wurzelstock des Japanischen Staudenknöterichs (Polygonum cuspidatum), aus dem die meisten Nahrungsergänzungen ihren Extrakt gewinnen. In Beeren wie Himbeeren und Maulbeeren finden sich kleinere Mengen.

Der Forschungsstand ist umfangreich, aber uneinheitlich. Meng et al. beschrieben in Molecules 2021 (10.3390/molecules26010229) die immunmodulatorischen Effekte von Resveratrol in Zellkultur und Tiermodellen und ordneten die zugrundeliegenden Signalwege ein. Zhou et al. fassten in Oxidative Medicine and Cellular Longevity 2021 (10.1155/2021/9932218) zusammen, welche Mechanismen im Zusammenhang mit Alterungsprozessen untersucht wurden — darunter Einflüsse auf oxidativen Stress, mitochondriale Funktion und Apoptose. Galiniak et al. lieferten in Acta Biochimica Polonica 2019 (10.18388/abp.2018_2749) eine breite Übersicht zu in-vitro- und in-vivo-Untersuchungen. Meng et al. beschrieben zusätzlich anti-oxidative und anti-carcinogene Eigenschaften auf molekularer Ebene.

So weit die eine Seite. Die andere heißt Bioverfügbarkeit — und hier wird es ernüchternd. Walle beschrieb in Annals of the New York Academy of Sciences 2011 (10.1111/j.1749-6632.2010.05842.x) die orale Aufnahme beim Menschen: Rund 75 Prozent des Resveratrols werden zwar durch die Darmwand aufgenommen, doch die anschließende Verstoffwechselung in Darm und Leber ist so umfangreich, dass die tatsächliche orale Bioverfügbarkeit deutlich unter 1 Prozent liegt. Höhere Dosen oder wiederholte Gaben änderten daran laut Walle wenig. Die Hauptmetaboliten im Blut und Urin sind Glucuronide und Sulfate; ein Teil wird von Darmbakterien weiter zu Dihydroresveratrol umgebaut. Anders gesagt: Was man schluckt, kommt nur zu einem Bruchteil in unveränderter Form dort an, wo es gemessen werden könnte.

Das erklärt, warum Ren et al. in Cancer Letters 2021 (10.1016/j.canlet.2021.05.001) trotz tausender präklinischer Arbeiten zu Resveratrol und Krebs eine ernüchternde Zwischenbilanz zogen: In der Übertragung ins klinische Setting sei bisher wenig vorangekommen. Als zentrale Bremsen nennen die Autoren die schlechte Pharmakokinetik und die geringe Wirkstärke. Zusätzlich wurde bei Patienten mit multiplem Myelom eine Nierentoxizität beobachtet, die die Weiterentwicklung als Krebsmedikament erschwert. Das ist eine wichtige, oft übergangene Information: Höher ist nicht automatisch besser.

Eine kleine Rechnung zur Einordnung: In vielen Untersuchungen werden Tagesmengen im Bereich von 100 bis 500 Milligramm Resveratrol pro Person verwendet, teils auch mehr. Legt man einen mittleren Gehalt von etwa 1 Milligramm pro Glas Rotwein (150 ml) zugrunde, entspräche 100 Milligramm ungefähr 100 Gläsern — also rund 15 Litern Wein. Aus roten Trauben mit Schale mit etwa 0,5 bis 1,5 Milligramm Resveratrol pro 100 Gramm käme man auf 7 bis 20 Kilogramm Trauben. Über die normale Ernährung sind die in Studien untersuchten Dosen praktisch nicht zu erreichen.

Was die Forschung ausdrücklich nicht zeigt: Es gibt keinen belastbaren klinischen Beleg dafür, dass Resveratrol beim Menschen das Leben verlängert, Krankheiten heilt oder Alterung aufhält. Die Übersichtsarbeiten von Zhou et al. und Galiniak et al. sprechen von "promising compound" und beschreiben Mechanismen — nicht bewiesene Heilwirkungen. Die EU-Behörden haben für Resveratrol keine gesundheitsbezogenen Angaben zugelassen. Wer Rotwein als Gesundheitsgetränk verkauft haben will, argumentiert nicht mit Studien, sondern gegen sie.

Interessant bleibt die Substanz trotzdem. Nicht als Wundermittel, sondern als Forschungsgegenstand mit klaren Grenzen — schlechte Bioverfügbarkeit, hoher First-Pass-Metabolismus, dosisabhängige Nebenwirkungen. Neuere Ansätze versuchen laut Ren et al. 2021, mit verbesserten Formulierungen und Kombinationen die Kinetik zu verändern. Ob das den Sprung in die klinische Anwendung schafft, ist offen.

Wirkung

In-vitro- und Tierstudien beschreiben antioxidative und entzündungsmodulierende Effekte (Meng et al., Molecules 2021). Übersichtsarbeiten wie Zhou et al. (Oxidative Medicine and Cellular Longevity 2021) und Galiniak et al. (Acta Biochimica Polonica 2019) fassen Mechanismen zu Zellstress, Mitochondrien und Entzündungsreaktionen zusammen. Belastbare klinische Wirknachweise beim Menschen fehlen bislang, unter anderem wegen der niedrigen Bioverfügbarkeit (Walle, Ann NY Acad Sci 2011).

Dosierung

In klinischen und präklinischen Untersuchungen wurden orale Dosen im Bereich von etwa 100 bis 500 Milligramm täglich verwendet, teils auch höher. Laut Walle (2011) liegt die orale Bioverfügbarkeit trotz einer Aufnahme von rund 75 Prozent bei unter 1 Prozent, weil Darm und Leber den Stoff rasch verstoffwechseln. Ren et al. (2021) berichteten bei sehr hohen Dosen von Nierentoxizität bei Patienten mit multiplem Myelom — mehr ist also nicht automatisch besser.

Natürliche Quellen

Rote Trauben (insb. Schale), Rotwein, Himbeeren, Maulbeeren, Japanischer Staudenknöterich

Wissenschaftliche Quellen

Zhou et al., Oxidative Medicine and Cellular Longevity 2021, 10.1155/2021/9932218 Ren et al., Cancer Letters 2021, 10.1016/j.canlet.2021.05.001 Galiniak et al., Acta Biochimica Polonica 2019, 10.18388/abp.2018_2749 Walle, Annals of the New York Academy of Sciences 2011, 10.1111/j.1749-6632.2010.05842.x Meng et al., Molecules 2021, 10.3390/molecules26010229

Häufige Fragen

Wo kommt Resveratrol natürlich vor?

Vor allem in der Schale roter Trauben und damit in Rotwein, außerdem in Himbeeren, Maulbeeren, Erdnüssen und im Wurzelstock des Japanischen Staudenknöterichs (Polygonum cuspidatum). Aus letzterem wird der Extrakt für die meisten Nahrungsergänzungen gewonnen.

Kann ich genug Resveratrol über Rotwein aufnehmen?

Praktisch nicht. Ein Glas Rotwein enthält grob 0,2 bis 2 Milligramm. Um auf die Mengen zu kommen, die in Studien untersucht werden (100 bis 500 Milligramm), müsste man mehrere Liter trinken. Die Rechnung geht über den Alkoholkonsum ohnehin nicht auf.

Warum ist die Bioverfügbarkeit so schlecht?

Walle beschrieb 2011 in den Annals of the New York Academy of Sciences, dass rund 75 Prozent oral aufgenommen werden, aber der Stoff in Darm und Leber sofort zu Glucuroniden und Sulfaten umgebaut wird. Unverändertes Resveratrol im Blut liegt unter 1 Prozent der zugeführten Menge.

Was ist Trans-Resveratrol?

Das ist die biologisch aktive räumliche Form des Moleküls. In Pflanzen und den meisten Extrakten liegt Resveratrol überwiegend als Trans-Form vor. Cis-Resveratrol entsteht unter anderem durch UV-Licht und ist Gegenstand deutlich weniger Untersuchungen.

Gibt es Nebenwirkungen?

Ren et al. berichteten 2021 in Cancer Letters von Nierentoxizität bei sehr hohen Dosen bei Patienten mit multiplem Myelom. Bei moderaten Mengen wird Resveratrol laut Galiniak et al. (2019) im Allgemeinen gut vertragen, längere Daten für hohe Dauerdosen sind aber begrenzt.

Ist Resveratrol ein Anti-Aging-Mittel?

Zhou et al. (2021) beschrieben Mechanismen, die im Zusammenhang mit Alterungsprozessen untersucht werden — oxidativer Stress, Mitochondrien, Apoptose. Ein klinischer Nachweis, dass Resveratrol beim Menschen das Altern verlangsamt oder das Leben verlängert, existiert nicht. Die EU hat keine gesundheitsbezogene Angabe zugelassen.

Warum wird oft Polygonum cuspidatum als Quelle genannt?

Der Japanische Staudenknöterich enthält deutlich höhere Konzentrationen als Trauben und ist dadurch die wirtschaftlich sinnvollste Rohstoffquelle für standardisierte Extrakte.

Auf einen Blick

Kategorie
Antioxidantien
Auch bekannt als
Trans-Resveratrol, Polygonum cuspidatum Extrakt
Tags
AntioxidansAnti-AgingHerz-KreislaufPolyphenol