Wer sich mit Darmgesundheit beschäftigt, stößt schnell auf drei Begriffe, die leicht verwechselt werden: Probiotika, Präbiotika und Synbiotika. Ein Synbiotikum ist die Kombination der beiden erstgenannten – lebende Mikroorganismen zusammen mit dem Substrat, das diese Mikroorganismen verwerten können.
Die derzeit maßgebliche Definition stammt von einem Expertengremium der International Scientific Association for Probiotics and Prebiotics (ISAPP), das im Mai 2019 in Antwerpen zusammenkam. Swanson et al. veröffentlichten das Konsenspapier 2020 in Nature Reviews Gastroenterology & Hepatology. Ein Synbiotikum wird darin beschrieben als "eine Mischung aus lebenden Mikroorganismen und Substrat(en), die selektiv von den Mikroorganismen des Wirts genutzt werden und dem Wirt einen gesundheitlichen Nutzen bringen". Die Autoren unterscheiden dabei zwei Typen: komplementäre Synbiotika, bei denen probiotische und präbiotische Komponente unabhängig voneinander wirken, und synergistische Synbiotika, bei denen das Substrat gezielt für den mitgelieferten Bakterienstamm ausgewählt wird.
Dieser Unterschied ist keine Wortklauberei. Bei einem komplementären Synbiotikum muss laut ISAPP jede Komponente für sich die Anforderungen an ein Probiotikum bzw. Präbiotikum erfüllen. Bei einem synergistischen Synbiotikum reicht der Nachweis, dass die Kombination funktioniert – die einzelnen Bestandteile müssen die Einzelkriterien nicht erfüllen.
Die probiotischen Stämme, die in Studien am häufigsten eingesetzt werden, gehören zu den Gattungen Lactobacillus, Bifidobacterium, Propionibacterium und Streptococcus. Martín-Peláez et al. berichten 2022 in Nutrients aus einer systematischen Übersicht zu Kaiserschnitt-Neugeborenen von Dosierungen zwischen 2 × 10⁶ und 9 × 10¹¹ koloniebildenden Einheiten pro Tag – eine Spanne über fünf Größenordnungen. Zwischen der niedrigsten und der höchsten in dieser Übersicht verwendeten Dosis liegt also der Faktor 450.000. Das zeigt: "Synbiotikum" ist kein standardisiertes Produkt, sondern ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Zubereitungen.
Als präbiotische Komponente kommen häufig Galacto-Oligosaccharide, Fructo-Oligosaccharide und Inulin zum Einsatz. Diese Kohlenhydrate werden im oberen Verdauungstrakt nicht abgebaut und erreichen den Dickdarm, wo sie den mitgelieferten oder ohnehin vorhandenen Bakterien als Substrat dienen.
Wie sieht der Forschungsstand aus? Ferro et al. werteten 2023 in Critical Reviews in Food Science and Nutrition insgesamt 32 randomisierte kontrollierte Studien zur Säuglingsernährung aus, davon 6 zu Synbiotika. Die Autoren berichten, dass die Bifidobakterien-Zahlen im Stuhl unter Prä- und Synbiotika-Gabe anstiegen, unter reinen Probiotika dagegen nicht. Die Messmethoden waren allerdings uneinheitlich – von klassischer Plattenkultur über Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung bis zur 16S-rRNA-Sequenzierung.
Ein viel diskutiertes Feld ist die sogenannte Darm-Hirn-Achse. Alli et al. sichteten 2022 in International Journal of Molecular Sciences 24 Beobachtungsstudien mit 2817 Teilnehmern und 19 Interventionsstudien mit 1119 Teilnehmern zum Zusammenhang zwischen Darmmikrobiom und Depression. Zwischen Patienten mit einer Major Depression und gesunden Kontrollen zeigte sich kein Unterschied in der Alpha-Diversität, wohl aber in der Beta-Diversität. Bei Interventionsstudien fanden die Autoren Effekte auf depressive Symptome unter Probiotika und Synbiotika, nicht aber unter reinen Präbiotika.
Allahyari et al. veröffentlichten 2024 in Neuropsychopharmacology Reports eine systematische Übersicht zu ADHS bei Kindern. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Datenlage bislang unklar ist – der Nutzen bei ADHS lässt sich anhand der vorliegenden Studien weder eindeutig bestätigen noch verwerfen.
Wichtig zur Einordnung: Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat bislang keine gesundheitsbezogene Angabe für Probiotika, Präbiotika oder Synbiotika zugelassen. Der Begriff "Probiotikum" darf in der EU auf Lebensmitteln nicht als Werbeaussage verwendet werden. Was in wissenschaftlichen Übersichtsarbeiten steht, ist also nicht dasselbe wie ein zugelassener Wirknachweis.
Rechnerisch interessant: Wenn eine typische Synbiotika-Studiendosis bei 10¹⁰ KBE pro Tag liegt, entspricht das zehn Milliarden lebenden Keimen. Ein Erwachsener trägt schätzungsweise 10¹³ bis 10¹⁴ Bakterien im Darm – die zugeführte Menge macht damit rechnerisch etwa ein Tausendstel bis ein Zehntausendstel der ohnehin vorhandenen Population aus. Das relativiert die Vorstellung, ein Synbiotikum würde die Darmflora "austauschen". Es setzt eher Impulse, als dass es die Besiedlung von Grund auf verändert.
Auch bekannt als
Probiotikum-Präbiotikum-Kombination


