Lactobacillus ist keine einzelne Art, sondern eine ganze Gattung mit über 250 beschriebenen Stämmen. Zu den bekanntesten gehören L. rhamnosus, L. acidophilus, L. casei, L. plantarum und L. reuteri. Jeder Stamm hat andere Eigenschaften — das ist der Grund, warum wissenschaftliche Untersuchungen immer den konkreten Stamm nennen und Ergebnisse eines Stamms nicht einfach auf einen anderen übertragbar sind.
In fermentierten Lebensmitteln entstehen Lactobacillus-Bakterien natürlich. Beim Sauerkraut wandeln sie den Zucker im Kohl in Milchsäure um, was den typischen sauren Geschmack ergibt und gleichzeitig das Kraut haltbar macht. Ähnlich funktioniert Kimchi mit Chinakohl, während Kefir und Joghurt auf Milchbasis fermentiert werden. Tempeh aus Sojabohnen ist ein weiteres Beispiel. Wer regelmäßig zu solchen Lebensmitteln greift, nimmt große Mengen dieser Bakterien auf — eine Portion Sauerkraut kann Milliarden von Zellen liefern, wobei die exakten Zahlen je nach Herstellung stark schwanken.
Zum Forschungsstand: Eine Meta-Analyse von Husein-ElAhmed & Steinhoff im Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (JDDG) 2023 untersuchte probiotische Supplementierung bei Kindern mit atopischer Dermatitis. Ausgewertet wurden Daten aus drei Datenbanken. In der Probiotika-Gruppe lag die Inzidenz der atopischen Dermatitis um 22 % niedriger. Bei Verabreichung an schwangere und stillende Mütter betrug die Verringerung 49 %, bei Verabreichung an schwangere Mütter und Kinder 27 %, und bei kombinierter Gabe an schwangere und stillende Mütter sowie Kinder 39 %. L. rhamnosus war laut der Auswertung der am häufigsten untersuchte Stamm. Der SCORAD-Wert, ein etabliertes Maß für die Schwere der Erkrankung, unterschied sich signifikant zugunsten der Probiotika-Gruppe. Der IDLQI, ein Fragebogen zur Lebensqualität, blieb unverändert.
Ein zweiter Blick geht Richtung Psyche: Schneider et al. fassten 2023 in der Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie den Stand zu Prä- und Probiotika bei psychiatrischen Erkrankungen zusammen. Die meisten Studien bei Kindern und Jugendlichen betreffen ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen, wobei einzelne Berichte auf Effekte bei kognitiven Symptomen und Lebensqualität hinweisen. Für Anorexia nervosa gibt es erste Hinweise auf Gewichtszunahme und Verringerung gastrointestinaler Symptome. Für Depressionen bei Erwachsenen sei die Datenlage laut den Autoren am besten, allerdings bleiben viele Ergebnisse uneinheitlich.
Was die Forschung nicht zeigt: Es gibt keinen "besten" Lactobacillus-Stamm für alle Anwendungsfälle. Auch die Frage, wie viele der aufgenommenen Bakterien tatsächlich lebend im Dickdarm ankommen, ist stammabhängig und wird kontrovers diskutiert. Die EU-Kommission hat für Probiotika bisher keine gesundheitsbezogenen Angaben nach der Health-Claims-Verordnung zugelassen — das bedeutet, in der Werbung darf keine konkrete Wirkung ausgelobt werden, unabhängig davon, was einzelne Studien zeigen.
Ein paar Zahlen zur Einordnung: Die Meta-Analyse zur atopischen Dermatitis nennt Effektstärken zwischen 22 % und 49 %, je nach Zielgruppe. Wer diese Prozentzahlen in absolute Zahlen umrechnen möchte: Bei einer angenommenen AD-Grundinzidenz von 20 % bei Kindern würde eine 22-%-Reduktion bedeuten, dass statt 20 nur noch etwa 15,6 von 100 Kindern eine atopische Dermatitis entwickeln — die 49-%-Reduktion würde die Zahl auf rund 10 von 100 senken. Diese Rechnung ist ein Modell und ersetzt keine individuelle Bewertung.
In der Küche lassen sich Lactobacillus-haltige Lebensmittel gut kombinieren: Ein Frühstück mit Naturjoghurt und Beeren, ein Salat mit Sauerkraut als Beilage, ein Glas Kefir am Nachmittag. Wichtig ist, dass die Produkte nicht pasteurisiert wurden — beim Erhitzen sterben die Bakterien ab. "Milchsauer vergoren" auf der Verpackung ist meist ein guter Hinweis, "pasteurisiert nach der Fermentation" das Gegenteil.
Wirkung
Husein-ElAhmed & Steinhoff berichten in JDDG 2023 in einer Meta-Analyse über eine 22-%-Verringerung der Inzidenz atopischer Dermatitis bei Kindern in der Probiotika-Gruppe, mit L. rhamnosus als häufigstem Stamm. Schneider et al. (Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2023) fassen zusammen, dass bei psychiatrischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter die Datenlage vor allem für ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen vorliegt, für Depressionen bei Erwachsenen etwas breiter ist. Zugelassene Health Claims gibt es in der EU für Probiotika nicht.
Dosierung
In der Meta-Analyse von Husein-ElAhmed & Steinhoff (JDDG 2023) wurden Probiotika teils an schwangere Mütter, teils an stillende Mütter, teils an Kinder verabreicht — die Kombination aus allen drei Gruppen zeigte mit 39 % die zweithöchste Reduktion der AD-Inzidenz. Konkrete koloniebildende Einheiten (KbE) pro Tag werden in der übergebenen Zusammenfassung nicht genannt, sodass sich daraus keine allgemeine Tagesempfehlung ableiten lässt.
Natürliche Quellen
Lactobacillus-Stämme kommen natürlich in fermentierten Lebensmitteln wie Joghurt, Kefir, Sauerkraut, Kimchi und Tempeh vor.
Wissenschaftliche Quellen
Husein-ElAhmed & Steinhoff, JDDG 2023, DOI: 10.1111/ddg.15120_g Schneider et al., Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2023, DOI: 10.1024/1422-4917/a000930
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Probiotika und Lactobacillus?
Probiotika ist der Oberbegriff für lebende Mikroorganismen mit möglicher gesundheitlicher Bedeutung. Lactobacillus ist eine bestimmte Bakteriengattung innerhalb dieser Gruppe, zu der über 250 Stämme gehören. Andere Probiotika-Gattungen sind zum Beispiel Bifidobacterium oder Saccharomyces (eine Hefe).
Sind Lactobacillus in Joghurt und in Kapseln dasselbe?
Die Gattung ist dieselbe, die Stämme können sich aber unterscheiden. Ein Naturjoghurt enthält meist L. bulgaricus und Streptococcus thermophilus, während Kapselpräparate oft L. rhamnosus, L. acidophilus oder L. plantarum in definierten Mengen enthalten. Jeder Stamm hat eigene Eigenschaften.
Überleben Lactobacillus die Magensäure?
Das hängt stark vom Stamm und der Darreichungsform ab. Einige Stämme sind säureresistent, andere werden im Magen weitgehend abgebaut. Kapseln mit magensaftresistenter Hülle sollen dieses Problem umgehen, aber die tatsächliche Überlebensrate schwankt.
Was zeigt die Studienlage bei atopischer Dermatitis?
Die Meta-Analyse von Husein-ElAhmed & Steinhoff (JDDG 2023) fand eine um 22 % geringere Inzidenz in der Probiotika-Gruppe. Wurden Probiotika an schwangere und stillende Mütter gegeben, lag die Verringerung bei 49 %. L. rhamnosus war der am häufigsten eingesetzte Stamm.
Sind Probiotika bei psychischen Erkrankungen erforscht?
Schneider et al. fassen 2023 zusammen, dass die meisten Studien bei Kindern und Jugendlichen ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen betreffen. Für Depressionen bei Erwachsenen ist die Datenlage etwas breiter, für Angststörungen, bipolare Störungen und Schizophrenie liegen bisher weniger belastbare Ergebnisse vor.
Warum darf auf Probiotika-Produkten keine Wirkung stehen?
Die EU hat für Probiotika bisher keine gesundheitsbezogenen Angaben nach der Health-Claims-Verordnung zugelassen. Selbst wenn Studien einen Effekt zeigen, dürfen Hersteller in der Werbung keine konkreten Wirkversprechen machen.
Welche Lebensmittel enthalten natürlich Lactobacillus?
Klassiker sind Naturjoghurt, Kefir, Sauerkraut, Kimchi und Tempeh. Wichtig: Das Produkt darf nach der Fermentation nicht pasteurisiert worden sein, sonst sind die Bakterien nicht mehr lebendig.


