Sauerstoff hält dich am Leben — und greift dich gleichzeitig an. Bei jeder Zellatmung entstehen Nebenprodukte, sogenannte Superoxid-Radikale. Genau hier setzt die Superoxiddismutase an, kurz SOD. Sie ist eines der am längsten erforschten körpereigenen Enzyme und wandelt aggressive Superoxid-Anionen (O2⁻) in Wasserstoffperoxid und normalen Sauerstoff um. Wasserstoffperoxid wird anschließend von weiteren Enzymen wie Katalase oder Glutathionperoxidase weiterverarbeitet. SOD steht damit ganz am Anfang der antioxidativen Kette in deinen Zellen.
Im menschlichen Körper existieren drei SOD-Formen: eine kupfer- und zinkabhängige Variante (Cu/Zn-SOD) im Zellplasma, eine manganabhängige (Mn-SOD) in den Mitochondrien und eine extrazelluläre Form (EC-SOD), die vor allem im Bindegewebe und in den Blutgefäßen sitzt. Die Verteilung ist kein Zufall: Die Mitochondrien produzieren den Löwenanteil der Superoxid-Radikale, weil dort die Atmungskette läuft. Ohne Mn-SOD an dieser Stelle würden die Zellkraftwerke sich selbst beschädigen.
Die Forschung zu SOD als Therapeutikum reicht Jahrzehnte zurück. Bereits 1984 verglich Talke in einer randomisierten Untersuchung (Handchirurgie, Mikrochirurgie, plastische Chirurgie 1984) die direkte Injektion von Orgotein — einer damals verfügbaren SOD-Zubereitung — mit Kortison in entzündete Fingergelenke bei Rheuma- und Arthritis-Patienten. Der Aufbau war ungewöhnlich: Jeder Patient bekam an einer Hand das eine, an der anderen Hand das andere Präparat, weil die Fingergelenke meist symmetrisch befallen sind. 31 Patienten mit insgesamt 98 betroffenen Gelenken wurden untersucht. Gemessen wurden Gelenkdurchmesser vor und nach der Behandlung, Kraft des Pinch-Grips und Bewegungsumfang. 30 der 31 Patienten zeigten unter beiden Behandlungen eine Verbesserung. Was die Studie nicht zeigt: einen klaren Vorteil einer der beiden Substanzen — es war eine Vergleichsstudie, kein Wirksamkeitsnachweis gegen Placebo.
Eine ganz andere Frage stellte Jurkovic et al. 2010 in der Ceskoslovenska patologie: Wie ist SOD in der Plazenta und der Dezidua bei Präeklampsie verteilt? Untersucht wurde die Expression von Caspase 1, Superoxiddismutase und Calretinin. Die Arbeit ist eine reine Beobachtungsstudie zur Gewebeverteilung — sie liefert keinen Hinweis auf Behandlungsempfehlungen und kein Ergebnis, das man auf Nahrungsergänzung übertragen könnte.
Interessant wird SOD auch außerhalb der Klinik, etwa in Lebensmitteln. Besonders hohe SOD-Aktivität findet man in bestimmten Melonen-Sorten, in Weizenkeimen und in einigen Kohlarten. Das Problem: SOD ist ein Protein. Im Magen zerlegt Pepsin bei einem pH-Wert um 2 die Eiweißkette in Aminosäuren. Frei aufgenommene SOD kommt also praktisch nicht als intaktes Enzym in den Blutkreislauf. Deshalb arbeiten Forschungsansätze mit magensaftresistenten Umhüllungen, meist auf Basis von Weizen-Gliadin, um das Enzym durch den Magen zu schleusen.
Wenn du dich fragst, ob dein Körper überhaupt SOD nachbilden kann: Ja, ständig. Er braucht dafür die Spurenelemente Kupfer, Zink und Mangan — jedes davon ist Baustein eines der drei SOD-Typen. Ein Zinkmangel oder ein Manganmangel wirkt sich also indirekt auch auf die SOD-Aktivität aus, weil dem Enzym schlicht das Metall im aktiven Zentrum fehlt.
Ehrlich bleiben muss man bei dem, was die verfügbare Forschung nicht zeigt: Es gibt in der EU keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe für SOD als Nahrungsergänzung. Weder für Gelenke, noch für Haut, noch für die viel zitierte 'Anti-Aging'-Ecke. Die beiden hier zitierten Arbeiten sind eine kleine Vergleichsstudie mit 31 Patienten und eine Gewebeuntersuchung — das ist keine Basis für allgemeine Empfehlungen. Was sich sagen lässt: SOD ist ein Enzym, das in jeder deiner Körperzellen arbeitet, und die Wissenschaft interessiert sich seit über 40 Jahren dafür. Alles Weitere ist Sache laufender Studien.
Auch bekannt als
SOD, Superoxid-Dismutase


