In jeder einzelnen Zelle deines Körpers arbeiten winzige Organellen daran, chemische Energie in eine Form zu bringen, die dein Stoffwechsel nutzen kann: Adenosintriphosphat, kurz ATP. Diese Organellen heißen Mitochondrien. Sie sind zwischen 0,5 und 1 Mikrometer klein, besitzen eine eigene DNA und stammen evolutionär von Bakterien ab, die vor rund zwei Milliarden Jahren in eine Urzelle aufgenommen wurden.
Diese endosymbiotische Herkunft ist mehr als eine biologische Fußnote. Sie erklärt, warum Mitochondrien in vielen Punkten anders funktionieren als der Rest der Zelle. Sie teilen sich unabhängig, werden mütterlicherseits vererbt und lassen sich, wie Borcherding & Brestoff in Nature 2023 beschreiben, sogar zwischen Zellen austauschen. Diesen Vorgang nennen die Autoren „intercellular mitochondria transfer" — bestimmte Zelltypen geben Mitochondrien ab und übertragen sie an entwicklungsgeschichtlich völlig andere Zellen.
Die klassische Rolle bleibt die Energieproduktion. Über die oxidative Phosphorylierung an der inneren Mitochondrienmembran wird der größte Teil des zellulären ATP hergestellt. Harrington et al. fassen in Physiological Reviews 2023 zusammen, dass Mitochondrien darüber hinaus an der Synthese metabolischer Vorstufen, an der Kalzium-Regulation, an der Bildung reaktiver Sauerstoffspezies, an Immunsignalen und am programmierten Zelltod beteiligt sind. Damit sind sie nicht nur Kraftwerk, sondern auch Schaltzentrale.
Ein Erwachsener setzt pro Tag etwa das eigene Körpergewicht an ATP um — rund 60 bis 75 Kilogramm bei einem 70-kg-Menschen. Da der Körper zu keinem Zeitpunkt mehr als etwa 250 Gramm ATP enthält, muss jedes Molekül im Schnitt einige hundert Mal pro Tag recycelt werden. Diese enorme Umsatzrate leisten die Mitochondrien.
Der zweite große Themenkomplex ist der Zelltod. Bock & Tait beschreiben in Nature Reviews Molecular Cell Biology 2020, wie die Permeabilisierung der äußeren Mitochondrienmembran (MOMP) den Startschuss für die Apoptose gibt: Cytochrom c wird freigesetzt, Caspasen werden aktiviert, die Zelle stirbt kontrolliert. Neuere Arbeiten der gleichen Autorengruppe zeigen, dass MOMP nicht ausschließlich zum Zelltod führt, sondern auch entzündungsfördernde Signale auslösen kann. Für die Medizin ist das interessant, weil sich hier Ansatzpunkte für Therapien bei neurodegenerativen Erkrankungen, Autoimmunprozessen und Krebs ergeben.
Das Verhältnis von Mitochondrien und Krebs beschäftigt die Forschung seit Otto Warburgs Beobachtungen vor knapp einem Jahrhundert. Kenny & Birsoy resümieren in Cold Spring Harbor Perspectives in Medicine 2024, dass funktionsfähige Mitochondrien für die Proliferation von Krebszellen erforderlich sind. Sie beeinflussen den Anabolismus, die intrazelluläre Signalübertragung und das Tumormikromilieu. Aus dieser Beobachtung heraus werden Mitochondrien zunehmend als therapeutisches Ziel untersucht.
An der Schnittstelle zwischen Grundlagenforschung und Klinik steht die Idee, Mitochondrien direkt zu verändern oder zu transplantieren. Li et al. geben in Signal Transduction and Targeted Therapy 2025 einen Überblick über zwei Strategien: mitochondriales Gen-Editing und den künstlichen Mitochondrientransfer. Beide Ansätze basieren auf der Beobachtung, dass geschädigte Mitochondrien nicht nur bei erblichen Mitochondriopathien eine Rolle spielen, sondern auch bei Alterungsprozessen, oxidativen Störungen, entzündlichen Erkrankungen und Krebs.
Was die Forschung bisher nicht zeigt: dass sich die Zahl oder Leistungsfähigkeit der Mitochondrien beim gesunden Menschen durch ein bestimmtes Lebensmittel gezielt und messbar erhöhen ließe. Häufig zitierte Kandidaten wie Ausdauertraining, Kalorienrestriktion oder bestimmte Pflanzenstoffe werden erforscht, aber die genannten Übersichtsarbeiten leiten daraus keine konkreten Ernährungsempfehlungen ab. Wer belastbare Aussagen zu einzelnen Substanzen sucht, sollte auf die jeweilige Primärliteratur schauen.
Ein Mensch trägt schätzungsweise 10 Billiarden Mitochondrien in sich, verteilt auf rund 30 Billionen Zellen. Eine Herzmuskelzelle enthält mehrere tausend davon, eine Leberzelle etwa 1.000 bis 2.000, ein reifer roter Blutkörperchen dagegen keine einzige. Diese Ungleichverteilung erklärt, warum Organe mit hohem Energiebedarf — Herz, Gehirn, Skelettmuskel, Niere — besonders empfindlich reagieren, wenn die mitochondriale Funktion gestört ist.
Mitochondrien sind also weder ein Nährstoff noch ein Wirkstoff, sondern Organellen. Man kann sie nicht schlucken. Der Begriff taucht in der Ernährungswelt vor allem in zwei Kontexten auf: erstens bei Substanzen, die in Zellexperimenten mitochondriale Enzyme beeinflussen (etwa Coenzym Q10, Kreatin oder bestimmte Polyphenole), zweitens bei der Frage, wie Bewegung und Ernährung die mitochondriale Biogenese beeinflussen. In beiden Bereichen läuft die Forschung — mit deutlich mehr Fragezeichen, als populäre Darstellungen vermuten lassen.
Auch bekannt als
Zellkraftwerke


