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Was ist Oxidativer Stress?

Oxidativer Stress entsteht durch ein Ungleichgewicht zwischen freien Radikalen und Antioxidantien im Körper und ist an Alterungsprozessen und der Entstehung von Krankheiten beteiligt.

Was ist Oxidativer Stress?

Jeder Atemzug, den du machst, produziert reaktive Sauerstoffspezies. Das klingt bedrohlich, ist aber zunächst nichts weiter als ein Nebeneffekt der Zellatmung in den Mitochondrien. Solange dein Körper genügend Gegenspieler bereitstellt, bleibt das System im Gleichgewicht. Kippt es, spricht man von oxidativem Stress.

Der Begriff geht auf den deutschen Biochemiker Helmut Sies zurück, der ihn 1985 einführte. Gemeint ist eine Verschiebung zwischen prooxidativen und antioxidativen Prozessen zugunsten der Prooxidantien. Zu den beteiligten Molekülen zählen Superoxidanionen, Wasserstoffperoxid und Hydroxylradikale. Sie tragen ein freies Elektron und suchen sich Bindungspartner – gerne an Zellmembranen, Proteinen oder direkt an der DNA. Kleinere Schäden repariert der Körper laufend. Bei Dauerbelastung häufen sich die Fehler.

Ausgelöst oder verstärkt wird oxidativer Stress durch UV-Strahlung, Zigarettenrauch, Feinstaub, chronische Entzündungen, intensiven Ausdauersport, wenig Schlaf, hohen Alkoholkonsum und ionisierende Strahlung wie bei einer Strahlentherapie. Auch ein niedriger Status an antioxidativ wirksamen Mikronährstoffen – etwa Vitamin C, Vitamin E, Zink, Selen oder Glutathion – verändert die Bilanz. Der Körper besitzt eigene enzymatische Schutzsysteme: Superoxiddismutase, Katalase und Glutathionperoxidase gehören zu den wichtigsten. Sie funktionieren nur, wenn ihre Kofaktoren vorhanden sind. Selen etwa ist Bestandteil der Glutathionperoxidase.

Gemessen wird oxidativer Stress im Labor meist indirekt. Marker sind zum Beispiel Malondialdehyd als Hinweis auf Lipidperoxidation, 8-Hydroxy-2'-Desoxyguanosin für oxidative DNA-Schäden oder das Verhältnis von reduziertem zu oxidiertem Glutathion (GSH/GSSG). Diese Werte sind kein Routinelabor und werden vor allem in der Forschung eingesetzt.

Ein Beispiel aus der klinischen Forschung liefert die Fallstudie von Deshmukh et al. in Complementary Medicine Research 2024. Beschrieben wird ein Patient mit einem Karzinom im Sinus piriformis, Stadium III – einer Erkrankung mit einer relativen 5-Jahres-Überlebensrate von rund 25 Prozent trotz Standardtherapie aus Operation, Bestrahlung und begleitender Chemotherapie. Die Autoren dokumentieren, wie sich Immunantwort und oxidativer Stress unter einer begleitenden ayurvedischen Therapie während der Strahlentherapie verändert haben. Eine Einzelfallstudie beweist nichts über die Allgemeinheit hinaus – sie zeigt aber, dass oxidativer Stress in der Onkologie als messbare Größe ernst genommen wird.

Wichtig ist die Einordnung: Freie Radikale sind nicht per se schädlich. Sie werden von Immunzellen gezielt eingesetzt, um Bakterien und Viren abzutöten. Sie dienen als Signalmoleküle, etwa bei der Anpassung an Trainingsreize. Wer nach jedem Sport hochdosiert Vitamin C und E schluckt, unterdrückt genau diese Signale – und mehrere Studien deuten an, dass so der Trainingseffekt geschmälert wird. Mehr Antioxidantien sind also nicht automatisch besser. Das Bild vom „Rostschutz für die Zelle“ ist eingängig, aber verkürzt.

Was lässt sich aus dem Alltag ableiten, ohne in Werbesprache abzurutschen? Eine Ernährung mit Gemüse, Obst, Nüssen, Hülsenfrüchten und wenig hochverarbeiteten Lebensmitteln liefert die Kofaktoren, die enzymatische Schutzsysteme brauchen. Polyphenolreiche Lebensmittel wie Beeren, Kakao, grüner Tee, Olivenöl oder Kurkuma stehen seit Jahren im Fokus der Forschung. Ob und wie stark einzelne Pflanzenstoffe beim Menschen antioxidativ wirken, ist teilweise offen – die im Reagenzglas gemessene Radikalfängerkapazität lässt sich nicht direkt auf den Menschen übertragen. Die Bioverfügbarkeit ist bei vielen Polyphenolen niedrig, und ein Großteil wird im Darm mikrobiell umgebaut.

Was die Forschung bislang nicht liefert: Es gibt keinen einzelnen Grenzwert, ab dem oxidativer Stress „krank macht“. Es gibt keine allgemein anerkannte Empfehlung für eine tägliche Dosis Antioxidantien in Milligramm, die vor Alterung oder Krankheit schützt. Und es gibt keine belastbare Evidenz, dass isolierte hochdosierte Antioxidantien-Präparate die Lebenserwartung verlängern – große Meta-Analysen zu Beta-Carotin und Vitamin E haben eher das Gegenteil nahegelegt.

Oxidativer Stress ist damit kein Schalter, sondern ein Zustand mit vielen Stellschrauben: Schlaf, Bewegung in vernünftigem Maß, Rauchverzicht, moderater Alkoholkonsum, eine bunte pflanzliche Ernährung. Wer diese Punkte im Blick hat, kümmert sich um mehr als um freie Radikale allein.

Auch bekannt als

oxidativer Schaden, freie Radikale

AntioxidantienZellschutzAnti-Agingfreie Radikale