Wer eine Mariendistel schon einmal am Wegrand gesehen hat, erkennt sie an den weiß marmorierten Blättern und den stacheligen violetten Blütenköpfen. Aus den kleinen, dunklen Samen dieser Pflanze (botanisch Silybum marianum) wird der Wirkstoffkomplex gewonnen, der heute unter dem Namen Silymarin läuft.
Silymarin ist kein Einzelstoff, sondern eine Mischung. Wadhwa et al. beschreiben in Molecules 2022 die Zusammensetzung: mehrere Flavonolignane, vor allem Silibinin (auch Silybin geschrieben), dazu Silychristin, Silydianin und Taxifolin. Die Silybine machen laut dieser Übersicht 70 bis 80 Prozent des Extraktes aus und sind für den größten Teil der in Laboruntersuchungen beobachteten Aktivität verantwortlich. Wenn also auf einer Packung 200 mg Silymarin stehen, entfallen davon rechnerisch etwa 140 bis 160 mg auf die Silybin-Fraktion — der Rest sind die kleineren Flavonolignane.
Der historische Kontext: Federico et al. (Molecules 2017) verweisen darauf, dass Extrakte aus Mariendistelsamen sowohl in der europäischen als auch in der asiatischen Traditionsmedizin bei Leberbeschwerden verwendet wurden. Das ist der Grund, warum sich fast die gesamte moderne Forschung ebenfalls auf die Leber konzentriert.
Zum Forschungsstand rund um die Leber: Gillessen & Schmidt haben 2020 in Advances in Therapy eine narrative Übersicht veröffentlicht. Sie fassen zusammen, dass in klinischen Studien Silymarin bei Patienten mit alkoholischer und nicht-alkoholischer Fettlebererkrankung sowie bei Leberzirrhose untersucht wurde. In einer gepoolten Auswertung von Studien bei Zirrhose-Patienten war die Silymarin-Anwendung mit einer signifikanten Reduktion leberbezogener Ereignisse assoziiert. Konkreter wird die systematische Übersichtsarbeit von Li et al. (Annals of Hepatology 2024), die sich speziell mit NAFLD und NASH — also der nicht-alkoholischen Fettleber und ihrer entzündlichen Form — befasst. Die Autoren halten fest, dass die Datenlage zwar wächst, die endgültige Wirksamkeit aber weiterhin diskutiert wird.
Ein wichtiges Detail betrifft die Aufnahme im Körper. Silymarin ist schlecht wasserlöslich, was die Bioverfügbarkeit begrenzt. Gillessen & Schmidt beschreiben deshalb, dass ein Großteil der klinischen Forschung mit einer speziellen Formulierung namens Eurosil 85® durchgeführt wurde, die für eine bessere orale Aufnahme entwickelt wurde. Das heißt praktisch: Wer Studienergebnisse liest, sollte prüfen, welcher Extrakt eingesetzt wurde — ein einfacher Pulverextrakt aus zermahlenen Samen verhält sich anders als ein standardisierter Trockenextrakt.
Zur Sicherheit gibt es eine relativ solide Datenlage. Soleimani et al. haben 2019 in Phytotherapy Research eine aktualisierte Sicherheitsübersicht veröffentlicht. Kernaussage: In Tierversuchen zeigte Silymarin keine relevante Toxizität. Beim Menschen wurde die Substanz in therapeutischen Dosen gut vertragen, sogar bei einer sehr hohen Dosis von 700 mg dreimal täglich über 24 Wochen. Als Nebenwirkungen wurden vor allem leichte gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit beschrieben. Rechnet man diese Studiendosis hoch, sind das 2.100 mg pro Tag — deutlich mehr als in üblichen Nahrungsergänzungen enthalten ist. Erwähnenswert ist der Hinweis der gleichen Autoren, dass Silymarin in einem bakteriellen Testsystem (Salmonella typhimurium) mit metabolischen Enzymen mutagene Effekte zeigte; die klinische Relevanz dieses In-vitro-Befundes ist unklar.
Was die Forschung nicht zeigt: Es gibt keinen belastbaren Beweis, dass Silymarin eine bestehende schwere Lebererkrankung heilen kann. Die untersuchten Effekte bewegen sich in einem unterstützenden Bereich und sind je nach Studiendesign unterschiedlich stark ausgeprägt. In der EU ist entsprechend auch keine gesundheitsbezogene Angabe für Silymarin oder Mariendistel zugelassen. Wadhwa et al. listen zwar in ihrer Übersicht darüber hinaus mögliche Ansätze in der Krebs-, Diabetes-, Nerven- und Herzforschung auf, dabei handelt es sich aber überwiegend um präklinische Daten aus Zell- und Tierversuchen — keine belastbaren Aussagen für den Menschen.
Botanisch gehört die Mariendistel zur Familie der Korbblütler (Asteraceae), zu der auch Kamille, Ringelblume und Artischocke zählen. Wer auf Korbblütler allergisch reagiert, sollte das im Hinterkopf behalten. Die Samen sind übrigens winzig — etwa vier bis sieben Millimeter lang. Um einen typischen Extrakt herzustellen, werden große Mengen Samen mit Lösungsmitteln extrahiert und der Rückstand standardisiert, meist auf 70 oder 80 Prozent Silymaringehalt.
Auch bekannt als
Mariendistel-Extrakt


