Die Art ist eine mehrjährige Kletterpflanze und kommt ursprünglich aus dem Südosten der USA sowie aus Mittelamerika. Heute wird sie in warmen Klimazonen weltweit angebaut — teils als Zierpflanze, teils zur Ernte des oberirdischen Krauts, das getrocknet als Passiflorae herba in vielen Arzneibüchern gelistet ist. Verwendet werden Blätter, Stängel, Ranken und die getrockneten Blüten. Aufgüsse, Tinkturen und Trockenextrakte sind die klassischen Zubereitungsformen.
Zum Forschungsstand: Passiflora incarnata gehört zu den am längsten untersuchten Pflanzen im Bereich Schlaf und innere Anspannung. Akhondzadeh et al. verglichen 2001 im Journal of Clinical Pharmacy and Therapeutics einen Passionsblumen-Extrakt mit dem Benzodiazepin Oxazepam bei generalisierter Angststörung — als doppelblinde randomisierte Pilotstudie. Ngan und Conduit untersuchten 2011 in Phytotherapy Research den Effekt eines Passionsblumen-Tees auf die subjektive Schlafqualität: 41 Teilnehmende zwischen 18 und 35 Jahren tranken über sieben Tage jeweils eine Tasse Tee (oder Placebo) und führten Schlaftagebücher. Zwischen den beiden Testphasen lag eine Woche Auswaschzeit. Lee et al. veröffentlichten 2020 in International Clinical Psychopharmacology eine Studie mit 110 Erwachsenen (Durchschnittsalter 40,5 Jahre, 53,6 Prozent Frauen), die nach DSM-5 die Kriterien einer Insomnie erfüllten. Zwei Wochen lang bekamen die Probanden entweder Passionsblumen-Extrakt oder Placebo; kontrolliert wurde per Polysomnographie im Schlaflabor.
Zwei Übersichtsarbeiten fassen den Stand zusammen. Janda et al. beschrieben 2020 in Nutrients die Datenlage zu neuropsychiatrischen Anwendungen — Schlaflosigkeit, Angst, depressive Verstimmung. Da Fonseca et al. wiesen im selben Jahr in The Scientific World Journal darauf hin, dass zwar rund 600 Passiflora-Arten existieren, die klinische Forschung sich aber fast ausschließlich auf Passiflora incarnata L. konzentriert. Was die Reviews auch klar sagen: Die Zahl kontrollierter klinischer Studien ist überschaubar, viele Untersuchungen arbeiten mit kleinen Gruppen, und einheitliche Dosierungsstandards fehlen.
Eine Rechnung dazu: In der Studie von Ngan und Conduit tranken die Teilnehmer eine Tasse Tee pro Tag über sieben Tage — das sind sieben Tassen pro Testphase. Wer typischen Passionsblumen-Tee aufbrüht (etwa 2 Gramm getrocknetes Kraut pro Tasse), kommt in einer Woche auf rund 14 Gramm Kraut. Bei Akhondzadeh wurden Extrakte verwendet, keine Teeaufgüsse — die Wirkstoffkonzentration ist dort deutlich höher. Genau deshalb sind die Ergebnisse einzelner Studien nur schwer aufeinander umzurechnen: Tee, Tinktur und standardisierter Trockenextrakt liefern jeweils andere Mengen an Flavonoiden wie Vitexin, Isovitexin oder Schaftosid, die als Leitsubstanzen gelten.
In der Küche spielt das Kraut kaum eine Rolle — anders als die Maracuja-Frucht, die von einer verwandten Art (Passiflora edulis) stammt. Das Kraut ist bitter, wird gemahlen oder geschnitten in Teemischungen mit Melisse, Baldrian oder Hopfen verwendet und ist in Deutschland und der EU als traditionelles pflanzliches Arzneimittel für Erwachsene bei nervösen Anspannungszuständen registriert.
Was die Forschung nicht zeigt: Es gibt keine großen, langfristigen klinischen Studien mit tausenden Teilnehmern, keine belastbaren Daten zur Anwendung bei Kindern, keine klaren Vergleiche zwischen den Zubereitungsformen (Tee vs. Kapsel vs. Tinktur) und keine zugelassenen gesundheitsbezogenen Angaben nach EU-Recht. Wer sich für Passiflora interessiert, findet einen Bestand an Studien, der über 20 Jahre gewachsen ist — aber kein abgeschlossenes Bild.
Wirkung
Klinische Untersuchungen haben Passiflora incarnata bei Schlafstörungen (Lee et al., International Clinical Psychopharmacology 2020; Ngan & Conduit, Phytotherapy Research 2011) und generalisierter Angststörung (Akhondzadeh et al., Journal of Clinical Pharmacy and Therapeutics 2001) im Vergleich zu Placebo bzw. Oxazepam getestet. Übersichtsarbeiten (Janda et al., Nutrients 2020; da Fonseca et al., The Scientific World Journal 2020) betonen die Notwendigkeit weiterer kontrollierter Studien mit größeren Kohorten.
Dosierung
Die klinischen Studien arbeiteten mit unterschiedlichen Zubereitungen: Ngan und Conduit setzten Tee ein (eine Tasse täglich, sieben Tage), Lee et al. gaben über zwei Wochen einen standardisierten Extrakt, Akhondzadeh et al. verglichen Extrakt mit 30 mg Oxazepam pro Tag. Konkrete Milligramm-Angaben lassen sich zwischen Extrakt, Tinktur und Aufguss nicht direkt umrechnen. Für in Deutschland zugelassene traditionelle pflanzliche Arzneimittel gelten die Angaben der jeweiligen Packungsbeilage.
Natürliche Quellen
Die Passionsblume stammt aus den südöstlichen USA und Mittelamerika. Heute wird sie weltweit in warmen Klimazonen als Zier- und Heilpflanze kultiviert.
Wissenschaftliche Quellen
Janda et al., Nutrients 2020, DOI: 10.3390/nu12123894 da Fonseca et al., The Scientific World Journal 2020, DOI: 10.1155/2020/6598434 Lee et al., International Clinical Psychopharmacology 2020, DOI: 10.1097/YIC.0000000000000291 Akhondzadeh et al., Journal of Clinical Pharmacy and Therapeutics 2001, DOI: 10.1046/j.1365-2710.2001.00367.x Ngan & Conduit, Phytotherapy Research 2011, DOI: 10.1002/ptr.3400
Häufige Fragen
Ist die Passionsblume dieselbe Pflanze wie die Maracuja?
Verwandt, aber nicht identisch. Die essbare Maracuja-Frucht stammt meist von Passiflora edulis, die als Heilpflanze verwendete Art ist Passiflora incarnata. Beide gehören zur Gattung Passiflora, die rund 600 Arten umfasst.
Welcher Pflanzenteil wird verwendet?
Das oberirdische Kraut — also Blätter, Stängel, Ranken und Blüten. In getrockneter Form heißt es in Arzneibüchern Passiflorae herba. Die Wurzel wird nicht verwendet.
Kann man Passionsblume mit Baldrian kombinieren?
In traditionellen Teemischungen ist die Kombination üblich. Klinische Studien untersuchen meist Einzelextrakte, kontrollierte Vergleichsdaten zu Kombinationen sind rar.
Gibt es Studien zur Langzeitanwendung?
Die vorliegenden klinischen Studien liefen über wenige Tage bis Wochen — Ngan & Conduit sieben Tage pro Phase, Lee et al. zwei Wochen. Langzeitdaten über Monate oder Jahre fehlen.
Ist die Pflanze schwer anzubauen?
Passiflora incarnata ist winterhart bis etwa minus 15 Grad und wächst in Mitteleuropa im Freiland, wenn der Standort sonnig und geschützt ist. Sie treibt jedes Jahr neu aus der Wurzel und klettert an Rankhilfen mehrere Meter hoch.
Warum heißt sie Passionsblume?
Spanische Missionare im 16. Jahrhundert deuteten die Blütenteile symbolisch: die fadenförmige Nebenkrone als Dornenkrone, die drei Narben als Nägel, die fünf Staubblätter als Wunden. Der Name bezieht sich auf die Passion Christi, nicht auf Leidenschaft im heutigen Sinn.


