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Kamille

Kamille ist eine der bekanntesten Heilpflanzen und wird traditionell bei Magen-Darm-Beschwerden, Entzündungen und zur Beruhigung eingesetzt.

Kamille
Am Wegrand, auf Brachflächen und auf Getreideäckern in ganz Europa fällt sie im Frühsommer sofort auf: kleine weiße Zungenblüten um einen gelben, hohlen Blütenboden, dazu ein Duft, den viele aus dem Teebeutel der Großmutter kennen. Die Echte Kamille (Matricaria chamomilla) gehört zu den am gründlichsten untersuchten Heilpflanzen Europas und ist zugleich eine der wenigen, die sowohl in der Volksmedizin als auch in modernen pharmakologischen Übersichtsarbeiten einen festen Platz haben.

Botanisch ist die Kamille ein einjähriger Korbblütler. Sie wird meist 20 bis 50 Zentimeter hoch, treibt fein zerteilte Blätter und blüht von Mai bis Juli. Charakteristisch und ein einfaches Bestimmungsmerkmal ist der hohle Blütenboden – drückt man die gelbe Mitte auf, fühlt man den Hohlraum. Damit lässt sie sich von der ähnlich aussehenden, aber weniger genutzten Hundskamille unterscheiden. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet reicht von Europa bis nach Westasien, für die Produktion von Teedrogen und ätherischem Öl wird sie zusätzlich in Ägypten, Ungarn, Argentinien und Deutschland gezielt angebaut.

Der Wirkstoffreichtum liegt in den Blüten. Das ätherische Öl macht typischerweise zwischen 0,3 und 1,5 Prozent der getrockneten Droge aus. Bei einem mittleren Gehalt von etwa einem Prozent stecken in einem Teelöffel Kamillenblüten (rund 1 Gramm) also grob 10 Milligramm ätherisches Öl – der bläuliche Farbstoff Chamazulen, der beim Wasserdampfdestillieren aus der Vorstufe Matricin entsteht, ist ein Teil davon. Dazu kommen Bisabolol-Verbindungen, Flavonoide wie Apigenin und Schleimstoffe.

Eine umfangreiche Übersichtsarbeit von El Mihyaoui et al. in Life (Basel) 2022 fasst zusammen, wie Matricaria chamomilla traditionell verwendet wurde: als Aufguss bei Magen-Darm-Beschwerden, bei Atemwegsreizungen, als Umschlag bei Hauterscheinungen sowie als beruhigendes und krampflösendes Mittel. Die Autoren tragen auch die phytochemischen Analysen zusammen – über 120 Einzelstoffe wurden in der Pflanze beschrieben. Zum Thema Schlaf gibt es eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse von Kazemi et al. in Complementary Therapies in Medicine 2024, die klinische Studien zur Kamille und Schlafqualität zusammenfasst. Das ist der aktuelle Stand der zusammengefassten Forschung – ob und wie stark ein Effekt im Einzelfall ausfällt, hängt von Dosis, Zubereitung und der untersuchten Personengruppe ab.

Was die Forschung ausdrücklich nicht zeigt: Kamille ist kein Ersatz für eine ärztliche Behandlung. Die Übersichtsarbeit von El Mihyaoui bezeichnet weiten Teile der Datenlage als vorklinisch, das heißt: viele Ergebnisse stammen aus Zellversuchen und Tiermodellen, nicht aus großen klinischen Studien am Menschen. Auch die Meta-Analyse zum Schlaf aus 2024 arbeitet mit einer begrenzten Zahl kontrollierter Untersuchungen.

In der Küche und im Alltag wird die Kamille fast ausschließlich als Tee oder als Dampfinhalation verwendet. Für einen klassischen Aufguss übergießt man 1 bis 2 Teelöffel getrocknete Blüten (etwa 1 bis 3 Gramm) mit 150 Millilitern siedendem Wasser und lässt zehn Minuten zugedeckt ziehen. Zugedeckt deshalb, weil sonst das ätherische Öl mit dem Wasserdampf entweicht – ein Detail, das den Unterschied zwischen kräftigem und dünnem Aufguss ausmacht. Bei einer Tagesmenge von drei Tassen kommt man auf 3 bis 9 Gramm Droge. Das ist ungefähr das Zehnfache dessen, was in einem handelsüblichen Teebeutel (meist 1,5 Gramm) steckt.

Die Namen erzählen etwas über die Kulturgeschichte: „Mägdeblume“ verweist auf die Frauenheilkunde des Mittelalters, „Kummerblume“ auf die beruhigende Anwendung. Der wissenschaftliche Name Matricaria leitet sich vom lateinischen matrix ab, was ebenfalls auf diesen alten Anwendungsbereich hindeutet. Das Synonym Chamomilla recutita ist im pharmazeutischen Schrifttum ebenso gebräuchlich.

Bei Sammlung und Lagerung ist die Erntezeit entscheidend. Die höchsten Gehalte an ätherischem Öl finden sich in vollentwickelten, aber noch nicht überblühten Körbchen. Nach der Ernte wird schonend bei unter 40 °C getrocknet, sonst zerfällt das temperaturempfindliche Matricin. Gelagert wird trocken, dunkel und luftdicht – unter diesen Bedingungen bleibt die Droge etwa ein Jahr gebrauchsfähig, danach sinkt der Ölgehalt spürbar und der typische Geruch wird flach.

Wirkung

Eine Übersichtsarbeit von El Mihyaoui et al. in Life (Basel) 2022 fasst die traditionellen Anwendungsgebiete von Matricaria chamomilla und die vorhandenen phytochemischen und pharmakologischen Daten zusammen; ein Großteil der Ergebnisse stammt aus vorklinischen Untersuchungen. Zum Thema Schlaf liegt eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse klinischer Studien von Kazemi et al. in Complementary Therapies in Medicine 2024 vor.

Dosierung

Klassisch werden 1 bis 3 Gramm getrocknete Kamillenblüten mit 150 Millilitern siedendem Wasser übergossen und zehn Minuten zugedeckt ziehen gelassen; als Tagesmenge sind bis zu drei Tassen üblich. Das entspricht 3 bis 9 Gramm Droge pro Tag und damit etwa dem Zwei- bis Sechsfachen eines Standard-Teebeutels von 1,5 Gramm.

Natürliche Quellen

Kamille wächst wild in ganz Europa und Westasien auf Äckern, an Wegrändern und auf Schuttplätzen. Sie wird auch gezielt für medizinische Zwecke angebaut.

Wissenschaftliche Quellen

El Mihyaoui et al., Life (Basel) 2022, DOI: 10.3390/life12040479 Kazemi et al., Complementary Therapies in Medicine 2024, DOI: 10.1016/j.ctim.2024.103071

Häufige Fragen

Wie unterscheide ich Echte Kamille von der Hundskamille?

Das einfachste Merkmal ist der Blütenboden. Bei der Echten Kamille ist er hohl, bei der Hundskamille markig gefüllt. Zusätzlich riecht die Echte Kamille beim Zerreiben deutlich aromatisch, die Hundskamille eher unangenehm.

Warum soll man Kamillentee zugedeckt ziehen lassen?

Weil das ätherische Öl mit dem Wasserdampf entweicht. Ohne Deckel verliert der Aufguss einen Teil der Inhaltsstoffe, die die Blüten überhaupt interessant machen. Zehn Minuten ziehen, dann abseihen.

Wieviel Kamille pro Tasse ist sinnvoll?

1 bis 2 Teelöffel getrocknete Blüten, also etwa 1 bis 3 Gramm, auf 150 Milliliter Wasser. Ein handelsüblicher Teebeutel enthält meist 1,5 Gramm.

Wie lange sind getrocknete Kamillenblüten haltbar?

Trocken, dunkel und luftdicht gelagert etwa ein Jahr. Danach verliert die Droge merklich an ätherischem Öl, der Geruch wird flach. Bläulich schimmernde Blüten sind kein Warnzeichen, sondern ein Hinweis auf Chamazulen.

Ist Kamille dasselbe wie Römische Kamille?

Nein. Die hier beschriebene Echte Kamille (Matricaria chamomilla) ist eine andere Art als die Römische Kamille (Chamaemelum nobile). Beide werden in der Pflanzenheilkunde verwendet, unterscheiden sich aber im Ölprofil und im Aussehen.

Was zeigt die Forschung zur Kamille bisher nicht?

Ein Großteil der in der Übersichtsarbeit von El Mihyaoui 2022 zusammengefassten Ergebnisse stammt aus Zell- und Tierversuchen. Große klinische Studien am Menschen sind für die meisten traditionellen Anwendungsgebiete rar. Auch die Meta-Analyse zum Schlaf von Kazemi 2024 stützt sich auf eine begrenzte Zahl kontrollierter Untersuchungen.

Wann werden Kamillenblüten geerntet?

Wenn die Körbchen voll entwickelt, aber noch nicht überblüht sind. Getrocknet wird bei unter 40 °C, weil der Aromastoff Matricin temperaturempfindlich ist und sich sonst zersetzt.

Auf einen Blick

Kategorie
Pflanzenextrakte
Auch bekannt als
Echte Kamille, Deutsche Kamille, Matricaria chamomilla, Chamomilla recutita, Mägdeblume, Kummerblume
Tags
Magen-DarmEntzündungshemmendBeruhigungPflanzenextraktHeilpflanze