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Thiamin (B1)

Thiamin (Vitamin B1) ist ein essentielles Vitamin für den Energiestoffwechsel, die Funktion des Nervensystems und die Herzgesundheit.

Thiamin (B1)
Thiamin wurde als erstes Vitamin überhaupt beschrieben – daher auch die Bezeichnung Vitamin B1, also die Nummer eins in der Reihe der B-Vitamine. Im Körper zirkuliert es nie in großen Mengen: Der Gesamtbestand eines Erwachsenen liegt bei etwa 25 bis 30 Milligramm, verteilt vor allem auf Muskulatur, Leber, Nieren und Gehirn. Weil der Körper Thiamin kaum speichert, wird eine dauerhafte Unterversorgung schneller sichtbar als bei fettlöslichen Vitaminen.

Die klassische Mangelerkrankung heißt Beriberi. Lonsdale beschreibt in Advances in Food and Nutrition Research 2018, dass die Krankheit eine niedrige Sterblichkeit, aber eine lange Krankheitsdauer hat und im Frühstadium oft mit psychosomatischen Beschwerden verwechselt wird. Kein einziges Symptom ist eindeutig – genau das macht die Diagnose schwierig. Lonsdale weist außerdem darauf hin, dass es genetisch bedingte Formen gibt, bei denen Mutationen in Transportern oder Cofaktoren eine Rolle spielen und die manchmal auf sehr hohe Thiamin-Dosen ansprechen.

Eine Übersichtsarbeit von Kerns und Gutierrez in Advances in Nutrition 2017 fasst den Stoffwechsel von Thiamin zusammen. Gregory hatte bereits 1997 im European Journal of Clinical Nutrition die Bioverfügbarkeit von Thiamin aus verschiedenen Lebensmitteln thematisiert – ein Punkt, der bis heute relevant ist, weil die Aufnahme aus pflanzlichen und tierischen Quellen unterschiedlich hoch ausfällt. Auch Finglas veröffentlichte 1993 im International Journal for Vitamin and Nutrition Research einen Überblick zu Thiamin.

Deutlich neuer ist die Studie von Schlapbach et al., erschienen 2024 in Pediatric Critical Care Medicine. Dort wurde in einer multizentrischen randomisierten Pilotstudie geprüft, ob eine Kombination aus Vitamin C, Hydrocortison und Thiamin bei Kindern im septischen Schock durchführbar ist und das Überleben ohne Organversagen beeinflusst. Für Erwachsene gab es solche Studien bereits, für Kinder ist es die erste kontrollierte Untersuchung dieser Art. Das Ergebnis war eine Machbarkeitsaussage – kein Nachweis eines klaren klinischen Vorteils. Diese Einschränkung ist wichtig: Thiamin wird in der Intensivmedizin diskutiert, ein durchschlagender Effekt ist damit aber nicht belegt.

Was die Forschung bislang nicht zeigt: Es gibt keinen belastbaren Beleg, dass eine zusätzliche Thiamin-Zufuhr bei gut versorgten, gesunden Menschen die Leistungsfähigkeit, die Konzentration oder die Nervenfunktion messbar steigert. Die vorhandenen Studien beziehen sich fast durchweg auf Mangelzustände oder klinische Sondersituationen wie Sepsis, chronischen Alkoholkonsum, bestimmte Genvarianten oder bariatrische Operationen.

Thiamin steckt vor allem in Lebensmitteln, die im modernen Speiseplan häufig zu kurz kommen. Vollkorngetreide enthält es in der äußeren Schicht des Korns – beim Ausmahlen zu Weißmehl geht ein großer Teil verloren. Hülsenfrüchte, Sonnenblumenkerne, Nüsse und Schweinefleisch zählen zu den ergiebigsten Quellen. 100 Gramm Sonnenblumenkerne liefern grob 1,5 Milligramm Thiamin, das ist ungefähr das, was die Deutsche Gesellschaft für Ernährung als Tagesbedarf für einen erwachsenen Mann angibt (etwa 1,1 bis 1,3 mg, für Frauen etwas weniger). Eine Portion Linsen von 60 Gramm Trockengewicht deckt rund ein Drittel dieses Bedarfs.

Einige Zubereitungen zerstören Thiamin. Sulfite in konservierten Lebensmitteln, längeres Erhitzen in viel Wasser und rohe Süßwasserfische sowie manche Muscheln enthalten Thiaminasen, also Enzyme, die das Vitamin abbauen. Wer viel Kaffee oder schwarzen Tee trinkt, bindet Thiamin über die enthaltenen Polyphenole in geringem Maß – ernährungsphysiologisch relevant wird das aber erst in Kombination mit einer ohnehin knappen Zufuhr.

Ein Sonderfall ist chronischer Alkoholkonsum. Alkohol hemmt die Aufnahme von Thiamin im Darm und den Umbau in die aktive Form. Deshalb tritt der schwere neurologische Thiamin-Mangel, das sogenannte Wernicke-Korsakow-Syndrom, fast ausschließlich in diesem Zusammenhang oder bei extremer Fehlernährung auf. In der klinischen Praxis wird Thiamin bei entsprechendem Verdacht intravenös gegeben, oft in Dosen von mehreren hundert Milligramm täglich – weit über dem Ernährungsbedarf.

Im Körper wird Thiamin zu Thiaminpyrophosphat umgebaut, dem eigentlichen Cofaktor mehrerer Enzyme im Kohlenhydrat- und Aminosäurestoffwechsel. Ohne diesen Cofaktor stockt der Abbau von Glukose zu Energie – ein Grund, warum Nervenzellen, die stark auf Glukose angewiesen sind, bei einem Mangel als erste Symptome zeigen.

Als Nährstoff gehört Thiamin damit zu den wasserlöslichen Vitaminen mit klar definiertem Bedarf, guter Studienlage zum Mangel und deutlich dünnerer Datenlage zu Effekten oberhalb der Sättigung.

Wirkung

Kerns und Gutierrez fassen in Advances in Nutrition 2017 die Stoffwechselrolle von Thiamin zusammen, Lonsdale beschreibt 2018 in Advances in Food and Nutrition Research die klinischen Erscheinungsbilder eines Mangels. Schlapbach et al. untersuchten 2024 in Pediatric Critical Care Medicine eine Kombination aus Vitamin C, Hydrocortison und Thiamin bei Kindern mit septischem Schock – als Machbarkeitsstudie, ohne Beleg eines klaren Überlebensvorteils. Zur Bioverfügbarkeit publizierte Gregory 1997 im European Journal of Clinical Nutrition.

Dosierung

Der Tagesbedarf für Erwachsene liegt nach den Referenzwerten bei etwa 1,1 bis 1,3 Milligramm. 100 Gramm Sonnenblumenkerne enthalten grob 1,5 mg, eine Portion Linsen von 60 g Trockengewicht rund ein Drittel des Tagesbedarfs. In der klinischen Anwendung bei Wernicke-Verdacht werden weit höhere Dosen eingesetzt, teils mehrere hundert Milligramm intravenös – das sind therapeutische Größenordnungen und keine Ernährungsempfehlung.

Natürliche Quellen

Thiamin ist in Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Schweinefleisch, Sonnenblumenkernen und Nüssen enthalten.

Wissenschaftliche Quellen

Kerns & Gutierrez, Advances in Nutrition 2017, DOI: 10.3945/an.116.013979 Lonsdale, Advances in Food and Nutrition Research 2018, DOI: 10.1016/bs.afnr.2017.11.001 Finglas, International Journal for Vitamin and Nutrition Research 1993 Gregory, European Journal of Clinical Nutrition 1997 Schlapbach et al., Pediatric Critical Care Medicine 2024, DOI: 10.1097/PCC.0000000000003346

Häufige Fragen

Warum ist Vollkorn bei Thiamin so viel besser als Weißmehl?

Thiamin sitzt vor allem in der äußeren Schicht des Getreidekorns. Beim Ausmahlen zu hellem Mehl wird dieser Teil entfernt, und ein großer Anteil des Vitamins geht verloren.

Kann man Thiamin überdosieren?

Bei oraler Aufnahme über Lebensmittel ist eine Überdosierung praktisch nicht bekannt. Überschüssiges Thiamin wird über die Nieren ausgeschieden, da es wasserlöslich ist. Eine tolerable Obergrenze hat die EFSA nicht festgelegt.

Wieso trifft ein Mangel oft Menschen mit Alkoholproblemen?

Alkohol reduziert die Aufnahme von Thiamin im Darm und stört den Umbau in die aktive Form. In Kombination mit oft einseitiger Ernährung kann sich so das Wernicke-Korsakow-Syndrom entwickeln.

Zerstört Kochen das Vitamin?

Thiamin ist hitze- und wasserempfindlich. Längeres Kochen in viel Wasser, das anschließend weggeschüttet wird, senkt den Gehalt spürbar. Dämpfen, kurzes Garen oder die Verwendung des Kochwassers reduzieren den Verlust.

Was zeigen die Sepsis-Studien mit Thiamin?

Schlapbach et al. haben 2024 in Pediatric Critical Care Medicine eine Kombination aus Vitamin C, Hydrocortison und Thiamin bei Kindern im septischen Schock als Pilotstudie geprüft. Die Untersuchung zeigte, dass diese Kombination durchführbar ist – ein klarer Überlebensvorteil wurde damit aber nicht bewiesen.

Reicht eine normale Mischkost für die Versorgung aus?

Bei einer Kost mit Vollkorn, Hülsenfrüchten, Nüssen oder Fleisch wird der Bedarf in der Regel gedeckt. Kritisch wird es bei sehr einseitiger Ernährung, chronischem Alkoholkonsum, nach bestimmten Operationen am Magen-Darm-Trakt oder bei den von Lonsdale 2018 beschriebenen seltenen genetischen Varianten.

Auf einen Blick

Kategorie
Vitamine
Auch bekannt als
Vitamin B1, Aneurin
Tags
ThiaminVitamin B1EnergiestoffwechselNervensystemHerzfunktion