Ohne Enzyme läuft in deinem Körper praktisch nichts. Jede Sekunde katalysieren sie Millionen Reaktionen — vom Aufspalten der Stärke in einem Bissen Brot bis zum Kopieren der DNA in einer sich teilenden Zelle. Enzyme sind meist Proteine, in einigen Fällen aber auch aus RNA aufgebaut (sogenannte Ribozyme). Ihr Trick: Sie senken die Aktivierungsenergie einer chemischen Reaktion, sodass diese bei Körpertemperatur überhaupt möglich wird. Ohne diese Beschleunigung würde die Verdauung einer Mahlzeit nicht Stunden, sondern Jahre dauern.
Der Name kommt aus dem Griechischen — "en zyme" bedeutet "in Sauerteig". Nicht zufällig: Die Wirkung von Hefe beim Gärprozess war eines der ersten enzymatischen Phänomene, das Menschen systematisch nutzten, lange bevor jemand wusste, was da chemisch passiert. Heute sind über 5000 verschiedene Enzyme bekannt, und die Fachwelt teilt sie nach dem sogenannten EC-System (Enzyme Commission) in sechs Hauptklassen ein: Oxidoreduktasen, Transferasen, Hydrolasen, Lyasen, Isomerasen und Ligasen. Jede dieser Klassen macht etwas Grundverschiedenes — Hydrolasen etwa spalten Moleküle mit Hilfe von Wasser, während Ligasen zwei Moleküle unter Energieverbrauch verbinden.
Damit ein Enzym arbeiten kann, braucht es meist Bedingungen, die ziemlich genau stimmen. Der pH-Wert ist einer der wichtigsten Faktoren. Pepsin, das im Magen Eiweiße zerlegt, arbeitet optimal bei einem pH-Wert um 2 — also stark sauer. Trypsin dagegen, das im Dünndarm dieselbe Aufgabe übernimmt, will einen pH-Wert um 8. Ein Enzym, das man aus seinem passenden Milieu holt, funktioniert schlicht nicht mehr. Auch Temperatur spielt eine Rolle: Die meisten menschlichen Enzyme sind bei 37 Grad Celsius am aktivsten. Ab etwa 42 Grad beginnen viele zu denaturieren — das ist einer der Gründe, warum hohes Fieber gefährlich ist.
In der Medizin sind Enzyme aus zwei Blickwinkeln relevant: als Diagnosewerkzeug und als Behandlung. Eine Übersichtsarbeit in der Deutschen medizinischen Wochenschrift (Holstege, 2016, DOI 10.1055/s-0042-100041) beschreibt, wie erhöhte Leberenzyme im Blut als Hinweis auf verschiedene Krankheitsbilder gelesen werden. Der Text unterscheidet drei Muster: einen Anstieg der Transaminasen, der auf eine Störung der Leberzellintegrität hinweist — etwa bei viraler Hepatitis, Morbus Wilson, Hämochromatose oder arzneimittelbedingten Schäden. Ein zweites Muster mit erhöhter alkalischer Phosphatase und γ-Glutamyltranspeptidase deutet auf cholestatische Erkrankungen hin. Der nächste diagnostische Schritt ist hier laut der Arbeit typischerweise eine Ultraschalluntersuchung, um intrahepatische von extrahepatischer Cholestase zu unterscheiden. Enzyme im Blut sind also so etwas wie stille Zeugen dessen, was tiefer im Gewebe vorgeht.
Auf der Therapieseite gibt es die sogenannten Enzympräparate bei Verdauungsstörungen. Eine ältere Praxisbeobachtung in Hippokrates (LIEB, 1964) beschreibt Erfahrungen mit einem solchen Präparat bei Verdauungsinsuffizienz. Auch eine enzymhistochemische Arbeit über Hidradenoma papilliferum, ein Hauttumor, erschien 1968 im Hautarzt (Tappeiner & Wolff) — hier ging es aber um Enzyme als Werkzeug zur mikroskopischen Untersuchung von Gewebe, nicht um eine Anwendung am Patienten.
Ehrlich gesagt: Was diese älteren Publikationen NICHT belegen, ist ein pauschaler Nutzen von "Enzym-Kuren" oder oral zugeführten Enzymen für gesunde Menschen. Viele Enzyme sind Proteine und werden im Magen selbst wieder verdaut — sie kommen also gar nicht intakt dort an, wo sie theoretisch wirken sollten. Ausnahmen gibt es (magensaftresistente Kapseln, bestimmte Lipasen bei Pankreasinsuffizienz), aber das sind medizinische Indikationen, keine Wellness-Anwendungen.
Interessant für die Küche: Auch Lebensmittel enthalten Enzyme. Eine frische Ananas enthält Bromelain, das Eiweiße spaltet — deshalb wird Wackelpudding mit Gelatine nicht fest, wenn du frische Ananas hineinschneidest. Kiwi enthält Actinidin, Papaya Papain. Beim Erhitzen über etwa 60 Grad verlieren diese pflanzlichen Enzyme ihre Aktivität. Aus einer Dose Ananas wackelt der Pudding also ganz normal.
Merken solltest du: Enzyme sind keine Nährstoffe im engeren Sinne. Sie werden nicht verbraucht wie Vitamine, sondern arbeiten katalytisch — ein einziges Enzymmolekül kann tausende Substratmoleküle nacheinander umsetzen. Genau deshalb genügen im Körper oft winzige Mengen.
Auch bekannt als
Biokatalysator, Ferment


