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Folsäure (Folat)

Folsäure ist ein B-Vitamin, das eine entscheidende Rolle bei der Zellteilung, der Blutbildung und der Entwicklung des Fötus während der Schwangerschaft spielt.

Folsäure (Folat)
Folsäure ist der synthetische Zwilling des natürlichen Folats — chemisch verwandt, im Körper aber unterschiedlich verstoffwechselt. Beide gehören zur Gruppe der wasserlöslichen B-Vitamine und tragen die Nummer B9. Der Name stammt vom lateinischen "folium" für Blatt, denn Blattgemüse ist eine der reichsten Quellen.

In der Zelle wirkt Folat als Überträger von Ein-Kohlenstoff-Gruppen. Shulpekova und Kollegen beschreiben in Molecules (2021), wie diese Methylgruppen auf Cholinphospholipide, Kreatin, Adrenalin und die DNA übertragen werden. Damit ist B9 in praktisch jeder Zellteilung beteiligt — dort, wo neues Gewebe entsteht, ist der Bedarf am höchsten. Das erklärt, warum das Vitamin während der Schwangerschaft eine besondere Rolle spielt und warum ein Mangel sich zuerst im blutbildenden System zeigt: als megaloblastäre Anämie, bei der die Vorläuferzellen im Knochenmark zu groß und unreif bleiben.

Die Verbindung zum Nervensystem ist enger, als man vermuten würde. Reynolds beschreibt in The Lancet Neurology (2006) den gemeinsamen Stoffwechselweg von Folat und Vitamin B12: Über die Methioninsynthase wird Homocystein in Methionin umgewandelt — ein Schritt, der für den Aufbau von Nukleotiden und für Methylierungsvorgänge im gesamten Genom nötig ist. Beide Vitamine sind so eng miteinander verzahnt, dass ihre Mangelbilder morphologisch kaum unterscheidbar sind und sich in überlappenden neuropsychiatrischen Symptomen zeigen können. Reynolds diskutiert auch mögliche Zusammenhänge zur ZNS-Entwicklung, zu Stimmungslagen und zu Demenzformen im Alter — als Forschungsfelder, nicht als bewiesene Wirkungen.

Ein viel diskutiertes Thema ist die pränatale Supplementierung. Hoxha und Kollegen fassen in Cells (2021) die Datenlage zusammen: In mehreren Beobachtungsstudien war eine mütterliche Zufuhr von 600 µg Folsäure vor und während der Schwangerschaft mit einem geringeren Risiko für Autismus-Spektrum-Störungen beim Kind verbunden. Die Autoren verweisen aber ausdrücklich auf gegenteilige Befunde — die Studienlage ist nicht einheitlich. Bei bereits diagnostizierten Kindern zeigten Interventionen mit Folsäure oder Folinsäure in einzelnen Untersuchungen Veränderungen bei bestimmten Verhaltens- und Stoffwechselparametern; der Übersichtsartikel bewertet das als Hinweis, nicht als Beweis.

Interessant ist die Herkunftsfrage. Folate sind biologisch weit verbreitet und kommen in Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen vor. Shulpekova et al. (2021) beschreiben, dass Folat teils direkt aus der Nahrung stammt, teils aber auch von Darmbakterien synthetisiert und anschließend über das Kolon aufgenommen wird — der Mensch ist bei diesem Vitamin also nicht allein auf die Zufuhr über den Teller angewiesen. Es gibt drei bekannte Transportersysteme für Folate in der Zelle, die sich in Gewebeverteilung, Substrataffinität und pH-Optimum unterscheiden.

Davis und Nicol (1988) sowie die frühe Übersichtsarbeit von Herbert (Annual Review of Medicine 1965) zeigen, wie lange Folsäure bereits systematisch untersucht wird. Seither hat sich das Bild verfeinert: Die WHO hat Laborkriterien für einen Folatmangel definiert, und schwere, angeborene Störungen der Folataufnahme oder des zerebralen Folattransports sind als eigenständige Krankheitsbilder abgegrenzt worden.

Rein rechnerisch lässt sich der Bedarf über die Ernährung decken. Eine Portion gekochter Linsen von 150 g liefert grob 270 µg Folat, ein Bund Spinat oder eine Handvoll Feldsalat ähnlich viel. Wer täglich zwei bunte Gemüseportionen, Hülsenfrüchte und ein Stück Vollkornbrot isst, kommt an die von der WHO diskutierten Zielbereiche heran. Die in der Schwangerschaftsforschung häufig genannten 600 µg (Hoxha et al. 2021) liegen darüber und werden in diesem Kontext meist über eine separate Ergänzung erreicht.

Was die Forschung nicht zeigt: Es gibt keinen belastbaren Nachweis, dass eine Folsäure-Ergänzung bei gesunden Erwachsenen mit ausgewogener Kost einen zusätzlichen Nutzen bringt. Die Studienlage zu Stimmung, Kognition im Alter und Autismus-Prävention liefert Signale, aber keine gesicherten Wirknachweise — das betonen Reynolds (2006) und Hoxha et al. (2021) übereinstimmend.

Wirkung

Reynolds beschreibt in The Lancet Neurology (2006) die Rolle von Folat und Vitamin B12 in der Methionin-Homocystein-Achse und diskutiert Zusammenhänge zur ZNS-Entwicklung, zu Stimmungslagen und Demenzen — als Forschungsfeld, nicht als gesicherte Wirkung. Hoxha und Kollegen (Cells 2021) berichten uneinheitliche Befunde zur pränatalen Folsäure-Supplementierung von 600 µg im Zusammenhang mit Autismus-Spektrum-Störungen. Shulpekova et al. (Molecules 2021) fassen die biochemische Rolle als Methylgruppen-Überträger in Ein-Kohlenstoff-Stoffwechselwegen zusammen.

Dosierung

In den von Hoxha et al. (Cells 2021) referierten Schwangerschaftsstudien wurden 600 µg Folsäure täglich als mütterliche Supplementierung untersucht. Die WHO hat Laborkriterien für einen Folatmangel definiert (Shulpekova et al., Molecules 2021), aus denen sich der Bedarf ableitet. Über die Nahrung liefern etwa 150 g gekochte Linsen rund 270 µg Folat, sodass ein Alltagsbedarf mit Hülsenfrüchten und grünem Gemüse in vielen Fällen erreichbar ist.

Natürliche Quellen

Folat kommt in grünem Blattgemüse, Hülsenfrüchten, Nüssen, Orangen und Vollkornprodukten vor.

Wissenschaftliche Quellen

Hoxha et al., Cells 2021, 10.3390/cells10081976 HERBERT, Annual Review of Medicine 1965, 10.1146/annurev.me.16.020165.002043 Reynolds, The Lancet Neurology 2006, 10.1016/S1474-4422(06)70598-1 Shulpekova et al., Molecules 2021, 10.3390/molecules26123731 Davis & Nicol, The International Journal of Biochemistry 1988, 10.1016/0020-711x(88)90476-4

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Folsäure und Folat?

Folat ist die Sammelbezeichnung für die natürlich in Lebensmitteln vorkommenden Verbindungen der Vitamin-B9-Gruppe. Folsäure ist die synthetische Form, die in Präparaten und angereicherten Lebensmitteln verwendet wird. Beide werden im Körper in aktive Formen umgewandelt, unterscheiden sich aber im Stoffwechselweg.

In welchen Lebensmitteln steckt viel Folat?

Grünes Blattgemüse wie Spinat und Feldsalat, Hülsenfrüchte, Nüsse, Orangen und Vollkornprodukte gehören zu den reichsten Quellen. Der Name stammt vom lateinischen folium für Blatt.

Warum ist Folsäure in der Schwangerschaft ein Thema?

Folate sind an jeder Zellteilung beteiligt, und in der frühen Fetalentwicklung ist der Bedarf besonders hoch. Hoxha und Kollegen (Cells 2021) beschreiben, dass in Studien 600 µg täglich als mütterliche Supplementierung untersucht wurden.

Woran erkennt man einen Folatmangel?

Klassisch zeigt sich ein Mangel als megaloblastäre Anämie, bei der die roten Blutkörperchen zu groß und unreif bleiben. Reynolds (The Lancet Neurology 2006) beschreibt zusätzlich überlappende neuropsychiatrische Symptome mit einem Vitamin-B12-Mangel. Die WHO hat Laborkriterien zur Diagnostik festgelegt.

Kann der Körper Folat selbst herstellen?

Der Mensch selbst kann Folat nicht bilden, aber Darmbakterien synthetisieren es und geben es an den Körper ab. Shulpekova et al. (Molecules 2021) beschreiben die Aufnahme aus dem Kolon als zusätzlichen Beitrag zur Versorgung.

Warum werden Folat und Vitamin B12 oft zusammen genannt?

Beide Vitamine teilen sich einen Stoffwechselweg: die Umwandlung von Homocystein in Methionin über die Methioninsynthase. Reynolds (2006) beschreibt, dass ihre Mangelbilder im Blut morphologisch kaum unterscheidbar sind und sich neurologisch überlappen.

Wie viel Folat liefert eine Portion Linsen?

Grob gerechnet etwa 270 µg pro 150 g gekochte Linsen. Zwei Gemüseportionen und eine Portion Hülsenfrüchte am Tag bringen einen großen Teil des Tagesbedarfs zusammen.

Auf einen Blick

Kategorie
Vitamine
Auch bekannt als
Vitamin B9, Folat, Methylfolat
Tags
FolsäureFolatVitamin B9SchwangerschaftBlutbildung