Beim Menschen wird Melatonin nicht nur in der Zirbeldrüse gebildet. Ahmad et al. (Cellular and Molecular Neurobiology, 2023) führen auch die Netzhaut, das Knochenmark, den Magen-Darm-Trakt, die Thymusdrüse und Lymphozyten als Bildungsorte auf. Licht unterdrückt die Produktion, Dunkelheit fördert sie. Die Wirkung läuft über zwei Rezeptortypen, MT1 und MT2, die in vielen Geweben vorhanden sind.
Interessant ist die Frage, wie viel Melatonin über die Nahrung überhaupt aufgenommen werden kann. Howatson et al. (European Journal of Nutrition, 2012) untersuchten Sauerkirschsaft aus Montmorency-Kirschen und stellten dort messbare Mengen fest. Zum Vergleich: Ein typisches Nahrungsergänzungspräparat enthält oft 0,5 bis 1 Milligramm pro Kapsel. Das entspricht einer Menge, die über gewöhnliche Lebensmittel praktisch nicht zu erreichen ist — man müßte literweise Kirschsaft trinken, um in eine vergleichbare Größenordnung zu kommen. Genau dieser Unterschied zwischen physiologischer Nachtkonzentration und pharmakologischer Zufuhr ist einer der Gründe, warum Forschende zwischen der körpereigenen und der zugeführten Variante klar trennen.
Die klinische Anwendung ist am besten bei Einschlafproblemen und Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus untersucht. Lalanne et al. (International Journal of Molecular Sciences, 2021) fassten Studien zur Anwendung bei Autismus-Spektrum-Störungen zusammen und berichteten von Effekten auf Einschlafzeit und Schlafqualität, wiesen aber ausdrücklich darauf hin, dass Wirkung und Verträglichkeit von Alter, Geschlecht, Verabreichungsweg, Uhrzeit, Formulierung (sofort- oder verzögerte Freisetzung) und Dosis abhängen. Eine pauschale Empfehlung lässt sich aus dieser Datenlage nicht ableiten.
Melatonin wird oft mit antioxidativen Eigenschaften in Verbindung gebracht. Ahmad et al. (2023) beschreiben, dass die Substanz im Labor freie Radikale abfangen kann und entzündungsdämpfende Effekte in Zellversuchen zeigt. Ob diese Beobachtungen auf den Menschen in üblichen Nahrungsergänzungsdosen übertragbar sind, bleibt offen. Zellversuche und klinische Wirksamkeit sind zwei verschiedene Ebenen.
Eine wichtige Gegenstimme kommt von Amrollahi-Sharifabadi et al. (Chemico-Biological Interactions, 2025). Die Autoren beschreiben Melatonin als „paradoxe“ Substanz: therapeutisch nützlich, aber mit unterschätzten toxikologischen Fragen bei längerer oder hochdosierter Einnahme, besonders in bestimmten Bevölkerungsgruppen. Konkret genannt werden mogliche Effekte auf Hormonhaushalt, Blutdruck und Wechselwirkungen mit Medikamenten. Der Text macht deutlich, dass „körpereigen“ nicht automatisch „unbedenklich in beliebiger Menge“ heisst.
Was die Forschung bislang NICHT belegt: dass Melatonin die Schlafdauer bei gesunden Menschen ohne Rhythmusstörung deutlich verlängert. Dass es Müdigkeit am nächsten Morgen sicher verhindert. Dass höhere Dosen besser wirken als niedrige — im Gegenteil, die publizierte Datenlage zu Autismus-Studien (Lalanne et al., 2021) deutet eher darauf hin, dass die Dosis-Wirkungs-Beziehung nicht linear ist. Und es gibt keine belastbaren Daten dazu, dass jahrelange tägliche Einnahme im Erwachsenenalter folgenlos bleibt.
Rechtlich ist Melatonin in der EU ein Sonderfall: In manchen Ländern gilt es ab bestimmten Dosierungen als Arzneimittel, in anderen ist eine niedrige Dosierung als Nahrungsergänzung erhältlich. Die EFSA hat eine Angabe zur Verkürzung der Einschlafzeit bei 1 Milligramm kurz vor dem Schlafengehen positiv bewertet — das ist einer der wenigen zugelassenen Health Claims im Zusammenhang mit Schlaf.
Wer sich mit Melatonin beschäftigt, sollte drei Ebenen auseinanderhalten: das körpereigene Hormon mit seinem streng nachtaktiven Rhythmus, die Zufuhr über Lebensmittel im Mikrogramm-Bereich, und die pharmakologische Zufuhr über Kapseln oder Tropfen im Milligramm-Bereich. Die Studienlage ist umfangreich, aber lange nicht in allen Punkten eindeutig.
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Wirkung
Cipolla-Neto und Amaral (Endocrine Reviews, 2018) beschreiben Melatonin als Signalgeber für den Tag-Nacht-Rhythmus, dessen Ausschüttung an die Dunkelphase gekoppelt ist. Lalanne et al. (International Journal of Molecular Sciences, 2021) berichten in einer Übersicht über Effekte auf Einschlafzeit und Schlafqualität in klinischen Studien, weisen aber auf die starke Abhängigkeit von Dosis, Zeitpunkt und Formulierung hin. Amrollahi-Sharifabadi et al. (Chemico-Biological Interactions, 2025) beschreiben zusätzlich toxikologische Fragen bei hoher oder langfristiger Einnahme.
Dosierung
In klinischen Studien wurden je nach Fragestellung Dosen zwischen weniger als 1 Milligramm und mehreren Milligramm eingesetzt, meist 30 bis 60 Minuten vor dem Schlafengehen. Für die EU-zugelassene Angabe zur Verkürzung der Einschlafzeit gilt 1 Milligramm kurz vor dem Zubettgehen. Lalanne et al. (2021) betonen, dass höhere Dosierungen nicht zwangsläufig besser wirken. Amrollahi-Sharifabadi et al. (2025) mahnen bei Langzeitanwendung zur Vorsicht.
Natürliche Quellen
Wird vom Körper selbst produziert; in geringen Mengen in einigen Lebensmitteln wie Kirschen, Walnüssen und Tomaten.
Wissenschaftliche Quellen
Cipolla-Neto & Amaral, Endocrine Reviews 2018, DOI: 10.1210/er.2018-00084 Ahmad et al., Cellular and Molecular Neurobiology 2023, DOI: 10.1007/s10571-023-01324-w Lalanne et al., International Journal of Molecular Sciences 2021, DOI: 10.3390/ijms22031490 Amrollahi-Sharifabadi et al., Chemico-Biological Interactions 2025, DOI: 10.1016/j.cbi.2025.111556 Howatson et al., European Journal of Nutrition 2012, DOI: 10.1007/s00394-011-0263-7
Häufige Fragen
Wann wird Melatonin im Körper gebildet?
Die Bildung in der Zirbeldrüse wird durch Dunkelheit angeregt und durch Licht unterdrückt. Cipolla-Neto und Amaral (Endocrine Reviews, 2018) beschreiben, dass die Ausschüttung streng an die Nachtphase gekoppelt ist. Nachts liegt der Blutspiegel um ein Vielfaches über dem Tageswert.
Kann ich genug Melatonin über Lebensmittel aufnehmen?
In Kirschen, Walnüßen und Tomaten kommt Melatonin vor. Howatson et al. (2012) fanden messbare Mengen in Sauerkirschsaft. Die Größenordnung liegt jedoch weit unter dem, was Kapseln liefern — eine gezielte Zufuhr über Lebensmittel in Milligramm-Höhe ist praktisch nicht realistisch.
Ist mehr Melatonin besser?
Nein. Lalanne et al. (International Journal of Molecular Sciences, 2021) beschreiben, dass die Wirkung von Dosis, Uhrzeit und Formulierung abhängt und höhere Dosen nicht automatisch bessere Effekte bringen. Amrollahi-Sharifabadi et al. (2025) weisen zusätzlich auf toxikologische Fragen bei hohen Dosen hin.
Wirkt Melatonin bei Jetlag?
Bei Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, zu denen auch Jetlag gehört, ist Melatonin am besten untersucht. Cipolla-Neto und Amaral (2018) ordnen die Substanz als Signalgeber für die circadiane Anpassung ein. Eine sichere pauschale Dosisempfehlung für alle Reisenden lässt sich aus den Übersichtsarbeiten nicht ableiten.
Gibt es Nebenwirkungen?
Amrollahi-Sharifabadi et al. (Chemico-Biological Interactions, 2025) beschreiben mögliche Effekte auf Hormonhaushalt, Blutdruck und Wechselwirkungen mit Medikamenten. Bei längerer oder hoher Anwendung fehlen belastbare Langzeitdaten, besonders für bestimmte Gruppen.
Wirkt Melatonin auch antioxidativ?
Ahmad et al. (Cellular and Molecular Neurobiology, 2023) beschreiben antioxidative und entzündungsdämpfende Eigenschaften in Zellversuchen. Ob diese Laborbefunde auf übliche Einnahmedosen beim Menschen übertragbar sind, ist offen.
Ist Melatonin ein Arzneimittel oder Nahrungsergänzung?
Das hängt vom Land und von der Dosierung ab. In der EU gilt Melatonin je nach Dosis in einigen Staaten als Arzneimittel, in anderen ist es als Nahrungsergänzung erhältlich. Die EFSA hat eine gesundheitsbezogene Angabe zur Einschlafzeit bei 1 Milligramm positiv bewertet.


