Vitamin K2, chemisch Menachinon, ist eine fettlösliche Verbindung. Sie wird in fermentierten Lebensmitteln von Bakterien gebildet — Natto, Hartkäse, Quark — und kommt in kleineren Mengen in Eigelb und Leber vor. Ein Übersichtsartikel von Zhang et al. in Foods 2024 unterteilt Vitamin K in die pflanzliche Form K1 (Phyllochinon) aus Blattgemüse und Algen und die Menachinone K2 aus fermentierten und tierischen Quellen. Beide Formen decken denselben biochemischen Grundmechanismus ab: Sie sind Kofaktor für die sogenannte Gamma-Carboxylierung. Ohne diesen Schritt bleiben bestimmte Proteine im Körper unfertig.
Sieben dieser Proteine sind an der Blutgerinnung beteiligt. Mladenka et al. beschreiben in Nutrition Reviews 2022, dass Vitamin K zusätzlich zur Reifung von elf bis zwölf weiteren Proteinen nötig ist, die vor allem die Kalzifizierung von Bindegewebe steuern. Also den Einbau von Kalzium — physiologisch erwünscht im Knochen, unerwünscht in Arterien. Genau daraus ergibt sich das Forschungsinteresse: Kann eine bessere K2-Versorgung dazu beitragen, dass Kalzium dorthin geht, wo es hingehört?
Eine ehrliche Antwort steht in derselben Übersicht: Mladenka et al. schreiben, der aktuelle Wissensstand erlaube keine endgültige Schlussfolgerung. Vitamin K sei keine einzelne Substanz, sondern ein Sammelbegriff für mehrere natürliche Formen mit unterschiedlicher Kinetik. Das erklärt, warum Studien zum gleichen Thema oft unterschiedlich ausfallen.
Beim Thema Knochen zeigt sich das gut. Capozzi et al. fassen in Maturitas 2020 zusammen, dass K2 am Knochenstoffwechsel beteiligt ist und Hinweise auf eine Verbesserung der Knochenqualität bestehen — die Autoren empfehlen Kalziumsupplemente aber ausdrücklich nicht generell zur Frakturvermeidung in der Allgemeinbevölkerung nach der Menopause. Eine Meta-Analyse von Kuang et al. in Food & Function 2020 versuchte, aus randomisierten kontrollierten Studien ein klares Bild für die Kombination von Vitamin K und Vitamin D auf die Knochenqualität zu ziehen. Die Autoren halten fest, dass die früheren Einzelstudien zu widersprüchlichen Ergebnissen gekommen waren — der Bedarf an weiterer Forschung ist erklärter Bestandteil ihrer Arbeit.
Ein neueres, ganz anderes Anwendungsfeld hat 2024 Aufsehen erregt: Tan et al. untersuchten in JAMA Internal Medicine Vitamin K2 bei nächtlichen Wadenkrämpfen — einem Beschwerdebild, für das es laut den Autoren bisher keine als sicher und wirksam belegte Behandlung gibt. Die Studie war eine randomisierte klinische Studie. Interessant ist hier weniger ein Einzelergebnis als die Tatsache, dass K2 inzwischen auch ausserhalb der klassischen Knochen- und Gefässforschung untersucht wird.
Was essen für wieviel K2? Menge und Bioverfügbarkeit unterscheiden sich stark zwischen den Nahrungsquellen. Natto ist eine ausgeprägte K2-Quelle, während Hartkäse und Quark deutlich weniger enthalten. Eigelb und Leber tragen kleinere Mengen bei. Wer keinen Natto mag — das dürfte die Mehrheit hierzulande sein — deckt K2 realistisch über fermentierte Milchprodukte oder Ergänzung.
Bei der Dosierung greifen viele Präparate auf die Menachinon-Form MK-7 zurück, weil sie laut Zhang et al. 2024 länger im Blut verbleibt als kurzkettige Formen. Konkrete Dosisempfehlungen aus den zitierten Studien sind allerdings uneinheitlich. Die europäische Referenzaufnahme für Vitamin K insgesamt liegt bei 75 Mikrogramm pro Tag — sie umfasst K1 und K2 zusammen und ist keine spezifische K2-Empfehlung.
Wichtig für jede Auseinandersetzung mit K2: Es gibt eine relevante Wechselwirkung mit gerinnungshemmenden Medikamenten vom Cumarin-Typ, etwa Warfarin oder Phenprocoumon. Diese Medikamente wirken, indem sie den Vitamin-K-Kreislauf blockieren. Zusätzliches Vitamin K — in jeder Form — kann die Medikamentenwirkung stören. Wer solche Blutverdünner nimmt, muss K2-Supplemente mit dem behandelnden Arzt abstimmen. Mladenka et al. gehen 2022 ausführlich auf diesen Aspekt ein.
Zusammengefasst: K2 ist biochemisch klar definiert, seine Rolle als Kofaktor bei Blutgerinnung und Kalziumeinbau in Knochen ist etabliert. Der weitergehende Nutzen von Supplementierung für Knochen, Gefässe oder andere Bereiche wird untersucht — belastbare, einheitliche Aussagen fehlen bisher.
Wirkung
Capozzi et al. (Maturitas 2020) sehen Hinweise, dass eine Vitamin-K2-Zufuhr die Knochenqualität beeinflussen könnte, ziehen aber keine abschliessende Empfehlung. Mladenka et al. (Nutrition Reviews 2022) betonen, dass ein endgültiger Zusammenhang zwischen K2 und der Prävention von Osteoporose oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit heutigem Wissen nicht belegbar ist. Kuang et al. (Food & Function 2020) untersuchten die Kombination von Vitamin K und D auf die Knochenqualität in einer Meta-Analyse, verweisen aber ebenfalls auf inkonsistente Vorbefunde.
Dosierung
Die europäische Referenzaufnahme für Vitamin K (K1 und K2 zusammen) liegt bei 75 Mikrogramm pro Tag. Spezifische, einheitliche Studiendosen für K2 nennen die zitierten Übersichten nicht — Zhang et al. (Foods 2024) heben die Menachinon-Form MK-7 wegen ihrer längeren Verweildauer im Blut hervor. Wichtig: Wer gerinnungshemmende Medikamente vom Cumarin-Typ (Warfarin, Phenprocoumon) einnimmt, sollte K2 nicht ohne ärztliche Rücksprache ergänzen.
Natürliche Quellen
Fermentierte Lebensmittel (Natto, Käse, Quark), Eigelb, Leber.
Wissenschaftliche Quellen
Capozzi et al., Maturitas 2020, 10.1016/j.maturitas.2020.05.020 Mladenka et al., Nutrition Reviews 2022, 10.1093/nutrit/nuab061 Tan et al., JAMA Internal Medicine 2024, 10.1001/jamainternmed.2024.5726 Zhang et al., Foods 2024, 10.3390/foods13111646 Kuang et al., Food & Function 2020, 10.1039/c9fo03063h
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Vitamin K1 und K2?
K1 (Phyllochinon) stammt vor allem aus grünem Blattgemüse und Algen, K2 (Menachinon) aus fermentierten und tierischen Lebensmitteln wie Natto, Käse oder Eigelb. Beide sind Kofaktor für dieselbe biochemische Reaktion (Gamma-Carboxylierung), unterscheiden sich aber in Kinetik und Verweildauer, wie Zhang et al. (Foods 2024) beschreiben.
Kann ich meinen K2-Bedarf über Essen decken?
Grundsätzlich ja, aber die Menge in mitteleuropäischer Kost ist oft gering. Die ausgeprägteste Quelle ist Natto, den kaum jemand hierzulande isst. Hartkäse, Quark, Eigelb und Leber liefern kleinere Mengen.
Warum wird K2 oft zusammen mit Vitamin D genannt?
Beide sind fettlöslich und beide greifen in den Kalziumstoffwechsel ein. Kuang et al. (Food & Function 2020) haben in einer Meta-Analyse randomisierter Studien versucht, den kombinierten Effekt auf die Knochenqualität zu beziffern — die Vorbefunde waren allerdings widersprüchlich.
Ist K2 bei Blutverdünnern gefährlich?
Gerinnungshemmer vom Cumarin-Typ (Warfarin, Phenprocoumon) wirken über den Vitamin-K-Kreislauf. Zusätzliches K2 kann die Medikamentenwirkung stören. Wer solche Präparate einnimmt, sollte K2 nicht ohne ärztliche Absprache ergänzen (Mladenka et al., Nutrition Reviews 2022).
Was bedeutet MK-7?
MK-7 ist eine bestimmte Menachinon-Form von K2 mit sieben Isopren-Einheiten in der Seitenkette. Sie wird in Supplementen häufig verwendet, weil sie laut Zhang et al. (Foods 2024) länger im Blut verbleibt als kurzkettige Menachinone.
Gibt es einen belegten Nutzen für die Knochen?
Es gibt Hinweise. Capozzi et al. (Maturitas 2020) beschreiben eine Beteiligung von K2 am Knochenstoffwechsel und mögliche Effekte auf die Knochenqualität. Eine allgemeine Empfehlung zur Frakturvermeidung leiten die Autoren daraus nicht ab.
Warum untersucht man K2 bei Wadenkrämpfen?
Tan et al. veröffentlichten 2024 in JAMA Internal Medicine eine randomisierte klinische Studie zu K2 bei nächtlichen Wadenkrämpfen — laut den Autoren gibt es für diese Beschwerde bisher keine als sicher und wirksam belegte Behandlung. Es ist ein neueres Forschungsfeld ausserhalb der klassischen K2-Themen Knochen und Gefässe.


